Palästina dankt

19. Juni 2012, von Arvid Vormann

Der Schlussentwurf der tunesischen Verfassung enthält nicht nur Reminiszenzen an so überlebte Ideologien wie Panarabismus, Panislamismus und Umma-Nationalismus, er beinhaltet auch eine Klausel, nach der Tunesien gegen Unterdrückung und für Selbstbestimmung eintrete und sich insbesondere der Befreiung Palästinas widmen wolle. Cathargo möchte hier vielleicht das zeitgemäße ceterum censeo zelebrieren.

Die Palästina-Passage ist äußerst umstritten, selbst unter den Muslimbrüdern. Der Umstand, dass die Verfassung Tunesiens sich mit einem anderen Land befassen soll, befremdet viele. Und was ist eigentlich zum Beispiel mit dem Selbstbestimmungsrecht der Sahrawis? Ist das nicht so viel wert? Und wenn doch, was heisst das dann für Tunesiens künftiges Verhältnis zu Marokko? Wie man sich also ganz ohne Not in allergrößte Erklärungsnöte bringen kann, exzerzieren die Tunesier hier mustergültig vor.

Die Einsicht, dass es bei der Palästina-Einlassung am allerwenigsten um die palästinensische Sache, sondern praktisch ausschließlich um billigen populistischen Mehrwert geht, ist nahe liegend. Die Palästinenser jedenfalls scheinen wenig begeistert vom tunesischen Umarmungsversuch.

Sollte der Entwurf so angenommen werden, dann allerdings werden Libyen und Ägypten – und irgendwann das neue Syrien und weitere Länder – dahinter kaum zurückstehen können.

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