Eine PKK Diktatur?

13. April 2012, von aus dem Netz

Über die Lage in Syrisch-Kurdistan:

Während in Homs, Hama und anderen Zentren des syrischen Aufstands die Rebellion, unterstützt von Staaten wie Saudi-Arabien und Katar, immer stärker religiösen Charakter annimmt, ist die PYD in den kurdischen Enklaven Syriens, Jazeera, Afrin und Ain al-Arab, auf dem besten Wege, die Ba’ath-Diktatur durch eine PKK-Diktatur abzulösen. (…)

Wenn das Regime stürzt, ist die PYD bestens vorbereitet, die vollständige Kontrolle in den kurdischen Gebieten zu übernehmen. Sollte hingegen die Regierung den Aufstand überleben, kann die PYD darauf verweisen, sie in schweren Zeiten unterstützt zu haben und dafür Zugeständnisse verlangen. Egal was passiert, es sieht so aus, als werde die PYD auf Seiten der Sieger stehen – und die syrischen Kurden auf Seiten der Verlierer.

Eine Antwort zu “Eine PKK Diktatur?”

  1. Wahrheitsliebender sagt:

    Offener LeserInnenbrief des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan

    YXK zur Situation in Syrien anlässlich des Artikels „Im Dienste des Diktators“ von Björn Blaschke vom 2. April:

    Die Vorwürfe, die Björn Blaschke in seinem Artikel „Im Dienste des Diktators“ vom 2. April auf tagesschau.de erhebt, sind haarsträubend. Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sei in den kurdischen Nordosten Syriens „eingesickert“, ermorde kurdische Oppositionelle, arbeite mit dem Assad-Regime zusammen und beute die syrischen KurdInnen aus, indem sie „Schutzgelder von Bauern erpresse, Schmuggel organisiere, aber eben auch Revolten niederschlage und Geheimdienstarbeit übernehme.“

    Was ist von solchen Anschuldigungen zu halten? Auf welcher Grundlage werden solche Aussagen getroffen?

    Fakt ist, dass das Regime Assad einen blutigen Krieg gegen die eigenen Bevölkerung führt. Fakt ist auch, dass die syrische Opposition uneins ist und sich bisher weder auf gemeinsame Ziele, noch auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnte. Fakt ist aber auch, dass sich viele AkteurInnen von außen in die Geschehnisse einmischen und versuchen die Entwicklungen nach ihren eigenen Interessen zu gestalten.

    Der erste Fehler Blaschkes ist es, die Lage in Syrien von außen zu bewerten. Mittlerweile hat sich ein Teil der syrischen Opposition mit westlicher Unterstützung bewaffnet und führt gegen das Assad-Regime einen Bürgerkrieg. Die Türkei etwa schickt Waffen, bildet Kämpfer aus und lässt die eigenen Truppen an der Grenze zum noch kürzlich Verbündeten aufziehen. Die europäischen Staaten und die USA werden nicht müde die „Freunde Syriens“ zu hofieren, wo sie doch noch bis vor Kurzem kurdische Asylsuchende aufgrund der „sicheren Menschenrechtslage“ nach Syrien abgeschoben haben, so etwa die Bundesrepublik. Dieses Vorgehen forciert zielgerichtet eine „humanitäre Intervention“ oder „Friedensmission“ der NATO, wie es in Libyen geschehen ist. Hat dieser Weg den Menschen in Libyen Frieden gebracht? Nein. Hat die Türkei etwa das Interesse den KurdInnen in Syrien demokratische Rechte zu gewähren, wo sie diese doch den KurdInnen im eigenen Land immer noch verwehrt? Nein.

    Blaschke behauptet, kurdische Organisationen würden die Schwäche der kurdisch-syrischen Opposition ausnutzen, da sie sich und die Gesellschaft organisieren, Schulunterricht sicherstellen oder versuchen die bewaffneten Konflikte in den kurdischen Städten zu verhindern. Es waren die Truppen des Regimes, die auf die Trauerdemonstration anlässlich der Ermordung Mashaal Temmos schossen. Diesen Mord schiebt Blaschke auch der kurdischen Opposition in die Schuhe, obwohl gerade sie ein elementares Interesse daran hat die kurdischen Gebiete zu stabilisieren, um die Selbstorganisation der KurdInnen in Syrien zu stärken und sie nicht zum Spielball zwischen dem Regime und den ausländischen Kräften werden zu lassen, so wie es mit der syrischen Opposition versucht wird.

    Blaschke beruft sich auf Vorurteile, die seit Jahren gegen eine ganze Bewegung entgegengebracht werden, welche sich in allen vier Teilen Kurdistans aber auch international starken Rückhaltes in der Bevölkerung und der Zivilgesellschaft sicher sein kann. Dies ist der zweite Fehler Blaschkes: diese Bewegung mit der PKK gleichzusetzen und damit alles pauschal zu delegitimieren, was aus dieser Richtung kommt. Seit der Mitte des letzten Jahrzehnts hat sich in ganz Kurdistan eine Bewegung herausgebildet, die sich unter dem Dach der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) organisiert. Der KCK fühlt sich die PKK zugehörig, aber eben auch die syrisch-kurdische Partei der demokratischen Einheit (PYD) und die Bewegung der demokratischen Gesellschaft (TEV-DEM), unter der sich die kurdische Zivilgesellschaft im syrischen Teil Kurdistans organisiert. Diese Bewegung hat gelernt sich nicht zum Spielball der Interessen der Herrschenden machen zu lassen. Sie möchte weder das Regime in Damaskus, dessen Tage gezählt sind, unterstützten, noch eine Steigbügelhalterin für die Interessen des Westens werden. PYD und TEV-DEM möchten einen dritten Weg finden, indem sie die kurdische Gesellschaft in Syrien organisieren und gemeinsam mit der gesamten Bevölkerung Syriens, unabhängig von Ethnie oder Religion, eine Lösung für die Probleme Syriens finden. Eine Demokratisierung des Landes kann nur aus der Gesellschaft selbst kommen, wenn das der Westen nach Libyen, Irak, Afghanistan etc. nicht gelernt hat, wird er weiterhin Organisationen wie die PYD oder TEV-DEM, die sich für eine demokratische Gesellschaft im eigenen Land einsetzten, kriminalisieren.

    Und dort liegt ein weiterer Fehler Blaschkes. Er verfällt in eine typische Sichtweise westlicher Berichterstattung, indem er die Gesellschaften vor Ort zu Objekten degradiert, die vom damaszener Regime oder der PKK als Geiseln genommen werden. Könnten sich 1.500 „eingesickerte PKK-Kämpfer“ ohne die Unterstützung der Bevölkerung halten? Könnten sie Schulen oder Gerichte einsetzen, wenn die kurdische Bevölkerung ihnen ablehnend gegenüberstehen würde, werden die Kinder etwa gezwungen in die Schulen zu gehen? Die kurdische Opposition kann sich weder auf die Unterstützung Assads berufen, der die KurdInnen jahrelang unterdrückte, noch auf die der „Freunde Syriens“, deren Zusammenkommen in Istanbul von den kurdischen Organisationen mittlerweile boykottiert wurde. Die Türkei hingegen schickt bewaffnete und ausgebildete Kräfte nach Syrien, um das Land zu destabilisieren und einen Einmarsch vor allem in die kurdischen Gebiete zu rechtfertigen.

    Und dort liegt der vierte große Fehler Blaschkes: er beruft sich auf Quellen in der Führung der Autonomen Region Kurdistans, die selbst ungenannt bleiben wollen und doch auch Kämpfer ausbilden. Die Autonome Region ist aus dem Irak-Krieg entstanden und ein Zugeständnis der USA an die südkurdischen Kräfte, die im Krieg gegen Saddam Huseyin die Bodentruppen stellten. Ihre Führung ist im vergangenen Jahr selbst mit Waffengewalt gegen die demonstrierende Bevölkerung vorgegangen, wobei es Tote auf Seiten der DemonstrantInnen gab. Als die Türkei 2007 die Stellungen der PKK im nordiraksichen Kandil-Gebirge angriff, blockierte die südkurdische Bevölkerung die Kasernen der eigenen Streitkräfte, um gegen einen erneut drohenden Bruderkrieg unter KurdInnen zu protestieren. Die südkurdische Regierung sieht ihren Rückhalt in der Bevölkerung schwinden, denn sie bietet keine Lösungen für die Bedürfnisse der kurdischen Gesellschaft nach sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und vor allem Frieden. Daher ist sie auch über einen selbstbewussten Aufbruch der syrischen KurdInnen besorgt, welche die Lage in Syrien vor allem als Chance begreifen. Als Chance auf eine friedliche, demokratische und einfach bessere Zukunft für ganz Syrien; ohne Unterdrückung, die vom Regime in Damaskus ausgeht, ohne Krieg, den die NATO-Staaten anfachen. Deshalb werden die KurdInnen in Syrien auch nicht aufhören ihren eigenen Weg zu gehen, unabhängig von Damaskus, von Ankara, von Erbil.
    yxkonline.de

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