Die Geister, die sie riefen

11. Februar 2012, von Thomas von der Osten-Sacken

Jahrelang ging der djihadistische Tourismus in den Irak über Syrien. Geduldet, wenn nicht untersützt von Aassads Regime strömten Kämpfer aus allen möglichen arabischen Ländern via Damaskus über die Grenze, um dort Blutbäder im Namen Allahs anzurichten. Nun kommen sie zurück:

“Jihadists” and weapons are moving from Iraq to Syria, deputy Iraqi interior minister Adnan al-Assadi has said, AFP reports.

“We have intelligence information that a number of Iraqi jihadists went to Syria,” Adnan al-Assadi said, adding that “weapons smuggling is still ongoing” from Iraq to Syria.

Und: In statements to the US-based McClatchy newspaper group, US intelligence officials have said Al Qaeda operatives in Iraq were behind two recent suicide attacks in the Syrian capital and likely Friday’s attack that killed at least 28 in Aleppo.

Und damit transformiert jeden Tag etwas mehr der Aufstand gegen das Assad Regime in einen regionalen Stellvertreterkrieg, an dem inzwischen iranische Revolutionsgardisten, Hizbollah-Kämpfer, Mahdi Milizionäre aus dem Irak auf der einen, Djihadisten, Rebellen aus Libyen, qatarische Militätberater, türkische Geheimdienstler und britisch/ französische Sonderkommandos auf der anderes teilnehmen. Für Saudi Arabien und die anderen Golfstatten handelt es sich um einen sunnitisch-schiitischen Konflikt und einen low intensity war gegen den Iran, der wiederum von Assad abhängig ist, weil sonst sein Einfluss im Nahen Osten flöten geht.

Und was macht man in Europa angesichts eines völlig aus der Kontrolle geratenden Konfliktes in einem der strategisch wichtigsten Länder im Nahen Osten? Man denkt über die Schaffung einer Kontaktgruppe nach und ruft zur Unterstützung der arabischen Liga auf. Toll. So sieht sie aus, die jahrelang angepriesene alternative, multilaterale Außenpolitik.

Derweil greift das syrische Regime offenbar zu ganz neuen Methoden der Aufstandbekämpfung:

The Syrian authorities opened water dams located on the Turkish border to “drown refugee camps,” Al-Jazeera television reported on Friday.

16 Antworten zu “Die Geister, die sie riefen”

  1. Freiheitsfreund sagt:

    Sunnitische Dschihadisten und türkische Geheimdienstler gegen iranische Revolutionskommandos, irakische Mahdi-Milizionäre und Assads Exekutive? Eine Mischung, die wahrhaft Appetit auf ein militärisches Eingreifen macht!

    Gott sei Dank gibt es noch ein paar Politiker, die sich angesichts dieser Lage darauf beschränken, ein bisschen mit Papier zu rascheln und in Plenarsitzungen räuspernd ihr Missfallen kundzutun. Möge das so bleiben. Mit den Feinden, die sich der Westen durch sein beherztes Eingreifen im Dienste der guten Sache, der höheren Moral, des Kampfes gegen das Böse an sich – weil man “doch nicht einfach bei diesen Grausamkeiten zusehen kann” – in Libyen, Tunesien und Ägypten an die Macht gezüchtet hat, ist er bestens bedient. Es müssen nicht noch weitere islamische Länder werden, ganz gleich ob die Islamfunktionäre in spe ihre Herrschaft nach der iranischen, der irakischen oder saudischen Mode auszuüben gedenken.

    Die Länder Europas tun gut daran, sich auf Verteidigung ihrer eigenen Traditionen und politischen Systeme zu beschränken. Wenn sich irgendwelche Muslimfraktionen im Nahen Osten bekriegen, besteht keine Pflicht zum Eingreifen – solange die eigene Sicherheit nicht bedroht wird.

  2. gegenkritik sagt:

    Wenn sich irgendwelche Muslimfraktionen im Nahen Osten bekriegen, besteht keine Pflicht zum Eingreifen – solange die eigene Sicherheit nicht bedroht wird.

    Sollen sich die Wilden da unten doch massakrieren, was geht’s uns an, solange es uns »Freiheitsfreunden« gutgeht.

  3. Freiheitsfreund sagt:

    Klar, die Antwort habe ich erwartet. Aber:

    Vielleicht ist ja auch derjenige der Spiesser, der sich, hier auf dem bequemen Sofa hockend, wünscht, dass seine Militärdienst tuenden Landsleute in fernen Ländern für seine fragwürdigen Vorstellungen von Gut und Böse / Recht und Unrecht in diesem Konflikt ihren Kopf hinhalten sollen.

    Ob der Freiheit gedient ist, wenn man Leuten zu Hilfe eilt, die folgende Einstellung über den Westen haben, sei dahingestellt:

    “I summon my blue-eyed slaves anytime it pleases me. I command the Americans to send me their bravest soldiers to die for me. Anytime I clap my hands a stupid genie called the American ambassador appears to do my bidding. When the Americans die in my service their bodies are frozen in metal boxes by the US Embassy and American airplanes carry them away, as if they never existed. Truly, America is my favorite slave.”

    König Fahd Bin Abdul-Aziz, Jeddeh 1993

    Die “blue-eyed slaves” haben keinen Bock mehr auf diese Spielchen. Sie ziehen sich von der Weltpolizistenrolle zurück und besinnen sich auf ihre eigenen Interessen. Wer kann sich erlauben, diese Haltung zu verurteilen?

  4. harry sagt:

    Was sollte es bringen einzugreifen?Was dabei rauskommt sieht man am besten im Irak,Afghanistan,Somalia…

  5. N. Neumann sagt:

    @ Thomas von der Osten-Sacken

    Die Meldungen sind angesichts der Entwicklung in Syrien in sich zwar völlig plausibel, ich möchte aber dennoch ein paar kleinere Zweifel anbringen* – zumindest was das Ausmaß des Dschihad-Tourismus vom Irak nach Syrien angeht, von dem hier die Rede ist.

    - Das numerische Verhältnis zwischen zugereisten und einheimischen sunnitischen Dschihadisten im Irak hat sich über die Jahre nach Saddams Sturz sukzessive zugunsten des eingeborenen Personals verschoben. Insofern stellt sich die Frage, ob es in der letzten Zeit überhaupt noch einen nennenswerten Zustrom von nicht-irakischen Dschihadisten in den Irak gegeben hat, der nun in das ehemalige Transitland Syrien geht. Zumal es nach Zarqawis Tod Dschihad-Touristen wieder zunehmend nach Afpak gezogen hat.

    - Wenn ich mich nicht täusche, ist der irakische Innenminister ein enger Mitarbeiter Malikis. Maliki hat sich vor ein paar Monaten an die Seite Assads gestellt (so mir nicht entgangen ist, dass er es sich doch wieder anders überlegt hat). Dass sich Maliki an die Seite Assads gestellt hat, macht machiavellistisch betrachtet zumal deshalb Sinn, wenn man davon ausgeht, dass auch das syrische Regime in den letzten 2-3 Jahren mit dafür gesorgt hat, dass weniger Alkaidaisten über Syrien in den Irak gelangen. So blöd wird eine schiitisch geführte irakische Regierung wohl kaum sein, als dass sie ihre Beziehungen zu Syrien verbessert hätte, wenn Syrien den Zustrom von sunnitischen Dschihadisten über seine Grenzen nicht wenigstens stark gedrosselt hätte.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Die Verlautbarung des irakischen Innenministers muss also nicht unbedingt glaubwürdig sein, so man bedenkt, dass der Hinweis auf Alkaidaisten als Urheber des Anschlags von Aleppo Malikis neuen Kuschelkurs gegenüber Assad indirekt rechtfertigt.

    Außerdem kann man sagen, dass irakische Dschihadisten aus ihrer Sicht genug im Irak zu tun haben.

    Was nicht heißen soll, dass es in Syrien, zumal im konservativeren Norden des Landes, keine Salafisten geben würde. Allerdings sind diese im Rahmen des Aufstands gegen das Regime meines Wissens nach noch nicht sonderlich in Erscheinungen getreten.

    - McClatchy ist zwar ein seriöses Medienunternehmen, aber auch im Allgemeinen seriöse Quellen können mal Stuss behaupten. Warten wir mal ab, ob es eine offizielle Bestätigung der Nachricht durch die US-Regierung gibt.

    Ein Gebäude des syrischen Sicherheits- bzw. Unterdrückungsapparats könnte auch von abtrünnigen Personen aus dem syrischen Apparat selber in die Luft gejagt worden sein.

    Auch wäre es dem syrischen Regime zumindest zuzutrauen, dass es den Anschlag fingiert hat, um mit der Behauptung, es kämpfe schließlich gegen Al Kaida, die Niederschlagung des Volksaufstandes zu rechtfertigen.

    * Was nicht heißen soll, dass ich damit nicht falsch liegen kann.

  6. Thomas von der Osten-Sacken sagt:

    Sie haben völlig Recht. Ich hatte dies hier auch eher gepostet, um daran zu erinnern, dass das Assad Regime jahrelang zu den Unterstützern djihadistischer Terroristen gehörte, nur wenn diese in Syrien etwas unternehmen wollten, wurden sie blutig unterdrückt. Alle, Gaddafi, Mubarak et al. haben gerne den Djihadismus unterstützt, wenn es gegen die USA und die mit ihr zusammenarbeitenden Irakis ging. Jetzt kehren die Gesiter eben zurück.
    Umso ekliger die syrische Opposition mit dem Hinweis auf Djihadisten pauschal denunzieren zu wollen, ganz so, als sei Assad (oder früher Saddam) ein Garant für Stabilität.
    Die irakischen Parteien sind tief gespalten: Kurden und Sunniten sympathisieren mehrheitlich mit der syrische Opposition, Maliki und Sadr unterstützen Assad, was aber nicht heißt, dass alle Schiiten dies täten. Und natürlich hat man im Irak, und das ist nur zu verständlich, große Angst der ganze Konflikt könne im eigenen Land zu einem Bürgerkrieg führen.
    Wenn momentan die Islamisten in syrien an Stärke gewinnen, dann vor allem, weil sie Geld und Waffen erhalten: aus Qatar, Saudi Arabien, den UAE und nicht zuletzt der Türkei. Währen die anderen mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen sind, dank der tollen Außenpolitik des Westen vor allem.

  7. arprin sagt:

    Freiheitsfreund, harry:

    1. Wer hat denn was von eingreifen gesagt? In dem Artikel wird nur die Lage in Syrien beschrieben, nichts weiter.

    2. Eine Intervention ist nicht immer klug. Und sie bringt so gut wie nie Demokratie, weil man einem Land nicht die Demokratie aufzwingen kann. Aber man kann mit einer Intervention in manchen Fällen durchaus ein schlimmeres Blutbad verhindern.
    Wir hätten z.B. in Ruanda intervenieren sollen, allein schon wegen der Genozidverhütungskonvention der UNO. Aber nachher weiß man es nun mal immer besser.

  8. Thomas von der Osten-Sacken sagt:

    “Weil man einem Land nicht die Demokratie aufzwingen kann”.
    Doch das kann man durchaus. Deutschland wäre da als Beispiel zu nennen.

  9. Roland Tluk sagt:

    Interessante Thesenänderung:
    Hat dieser Meinungsblog nicht behauptet es ginge alles über den Iran?

    Kriegspropaganda ist immer was tolles…

  10. Aron Sperber sagt:

    Das syrische Regime gewinnt durch das Veto seiner alten Verbündeten lediglich ein wenig Zeit.

    Zeit, die der Dschihadismus dazu nutzen wird, auch in Syrien prächtig zu gedeihen:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/02/06/die-schmeisfliegen-des-dschihad/

    Angesichts seiner Unterstützung für die Hisbollah-Terroristen im Libanon und des Terrors im Irak steht es jedoch gerade Assad am wenigsten zu, sich über eingesickerte Terroristen zu beklagen.

  11. gegenkritik sagt:

    @arprin

    Dem sogenannten Freiheitsfreund ist schon der Gedanke daran zuwider, das Gemetzel in Syrien könnte durch eine wie auch immer geartete Intervention des Westens gestoppt werden, deshalb seine hysterische Reaktion. Welche »Freiheit« der im Namen führt, will man lieber nicht so genau wissen.

  12. Nahostler sagt:

    “Alle, Gaddafi, Mubarak et al. haben gerne den Djihadismus unterstützt, wenn es gegen die USA und die mit ihr zusammenarbeitenden Irakis ging.”
    Zum Beispiel?

  13. Unsinn sagt:

    Herr Th von der Osten Sacken

    Die USA haben immer gener den Jihadismus unterstützt, wenn es gegen die Russen, den Iran und zuletzr Libyen und Syrien ging. Umso ekliger das gespielte Entsetzen von Frau Clinton über den “Terror” der Hizbolllah oder der Hamas.

  14. Thomas von der Osten-Sacken sagt:

    Aufschlussreich waren beispielsweise die so genannten Sinjar Dokumente: http://www.csmonitor.com/USA/Military/2008/0107/p02s01-usmi.html
    Die meisten ausländischen Jihadisten im Irak kamen aus Saudi Arabien, Libyen, Ägypten und dem Jemen. Sie wurden vor Ort angeworben. Die jeweiligen Geheimdienste in diesen Ländern wussten seltsreden darüber Bescheid und die dortigen regierungen waren nur zu froh, dass diese Typen in den Irak gefahren sind weil sie so a) im eigenen Land (zumindest temporär) kein Problem mehr darstellen b) helfen den Irak zu destabilisieren, was im Interesse aller arabischen Länder lag, wollte man doch mit allen Mitteln eine erfolgreiche Demokratisierung verhindern, die zu recht als Bedrohung der eigenen Machtposition verstanden wurde.

  15. Nahostler sagt:

    Danke für den Link.
    Und die Motive a) und b) gehen dann ja doch etwas an einem plumpen “gegen die USA” vorbei. Da gehts weniger um Antiamerikanismus als um den Schutz der eigenen Machtposition.
    Und aus dieser Motivation heraus haben schon ganz andere Staaten Dschihadisten unterstützt. Siehe die Konflikte in Syrien, Ägypten, Libyen, Jemen, etc…

  16. Roland Tluk sagt:

    Vielleicht bleibt am Ende folgender Spruch sehr passend:

    “Fighting for Peace is like Fucking for Virginity.”

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