1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly

13. Februar 2008, von Gast

Die »SA« war der »Aufstand der Anständigen«… oder:
1968 war nicht 1933

Eine Antwort auf Götz Aly

Gastbeitrag von Clemens Heni

 

In einem gut platzierten Text des Historikers und Publizisten Götz Aly in der Frankfurter Rundschau vom 30.01.2008, vorgeblich zur Erinnerung an die fünfundsiebzigste Wiederkehr der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und Adolf Hitler am 30. Januar 1933, wird auf antisemitische Weise Geschichtsklitterung betrieben. Aly parallelisiert 1933 mit 1968. Um zu verstehen, um was es ihm geht, sei sein Text im folgenden kontextualisiert und en detail dechiffriert.

1) Verharmlosung der Shoah

Der Nationalsozialismus und die Shoah werden heute auf vielfältige Weise verharmlost. Ehemalige Tagesschau-Sprecherinnen loben die NS-Familienpolitik, Historikerinnen die prächtigen »Blumenbeete«, Thing- bzw. Stadionspiele sowie die ›modernen Sportstätten‹ der Olympiade 1936, Büchner-Preisträger wiederum setzen Texte der Französischen Revolution mit den unfassbarsten Reden der Menschheitsgeschichte, den Ansprachen des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, von Oktober 1943 in Posen, auf eine Stufe. Für den Büchnerpreisträger 2007 Martin Mosebach sind hiernach »Utopie« und »Revolution« schon immer – hier vor allem von 1789 bis 1933 – für Exzess, Gewalt und Massenmord verantwortlich. Solch reaktionäres Gerede ist nicht neu. Es wehrt jede Form von substantieller Gesellschaftskritik ab und setzt in modischer, totalitarismustheoretischer Diktion links und rechts gleich, erkennt damit weder das eine noch das andere. Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft oder an anderen überkommenen Gesellschaftsstrukturen wird kategorisch und a priori abgelehnt. Die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen im NS-Staat werden zudem verharmlost, projiziert und derealisiert, ja auf rhetorisch geschickte Weise geleugnet, die Historikerin Deborah Lipstadt spricht in solchen Fällen von einem »soft-core denial«, also einer, entgegen der expliziten Neonazi- oder Iran-Variante, »soften« Holocaustleugnung.

Nachdem die rhetorische Hatz auf muslimische Jugendliche und die Agitation gegen die Kritik an deutschen, spießigen Rentnern zumindest bei der Landtagswahl in Hessen nicht so richtig erfolgreich waren, der Spiegel jedoch im jugendlichen, männlichen Furor per se und seit Jahrtausenden die größte Gefahr für die Menschheit sieht, legt der Historiker Götz Aly nach: 1968 war ein zweites 1933! Wow, das steigert die Auflagenzahlen der Frankfurter Rundschau und verspricht für das bald nachzuschiebende Buch »Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück« von Aly guten Absatz.

 

Dem 30. Januar 1933 wird in der Ausgabe der FR vom 30.01.2008 nur im Doppelpack mit dem Jahr 1968, welches heuer auch ein rundes Erinnerungsjahr hat, gedacht. Aly schreibt einen längeren Text, der, farbig bebildert, tabubrecherisch daherkommen soll und doch nur Altbekanntes aufwärmt: „Die Väter der 68er. Vor 75 Jahren kam Hitlers Generationenprojekt an die Macht: die 33er.“ Immer schön auf Höhe des Zeitgeistes stellt Aly, das gehätschelte enfant terrible des geschichtswissenschaftlichen Establishments in Deutschland, den Nationalsozialismus als bloßes »Generationenprojekt« vor. Wie in all seinen Texten geht es nicht um Ideologiekritik, vielmehr um bloße Sozial- oder Symbolgeschichte. Das WAS interessiert nicht in solchem Geplänkel, das WIE ist entscheidend. Es geht nicht darum, ob der Mythos der »Jugend von Langemarck«, wie es passiert ist, beschworen wurde, vor und nach 1933, um auf den nächsten – und dann zu gewinnenden – Krieg sich einzustimmen, nein: jung seien sie halt gewesen, die Protagonisten der Nazis, 1933, von Goebbels über Himmler, Speer zu Eichmann. Goebbels Hetze gegen Juden spielt überhaupt keine Rolle.

2) Arme Rentner

Zwei Beispiele, wie der Wissenschaftler und Publizist Götz Aly arbeitet, seien zuerst auseinander genommen, um sodann grundsätzliche Fragen zur Gleichsetzung von ‘33 und ‘68 zu stellen, insbesondere was das mit Antisemitismus zu tun hat.

Gleich zu Beginn möchte Aly zeigen, wie verkommen die ‘68er waren, wie nazimäßig sie drauf gewesen sein sollen. Er zitiert aus einem bekannten Gespräch aus dem Jahr 1967, welches 1968 im Kursbuch 14 erschienen ist, einer Diskussion zwischen Hans Magnus Enzensberger, dem damaligen Herausgeber jener legendären Zeitschrift, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler:

»›Ein Großteil der Bürokraten wird nach Westdeutschland emigrieren müssen‹, meinte Rabehl und ergänzte für den Fall, dass die ›antiautoritäre‹ Umerziehung nach der Machtübernahme teilweise fehlschlagen sollte: ›Wo es ganz klar ist, dass Umerziehung unmöglich ist, etwas bei älteren Leuten, da sollte man den Betreffenden die Möglichkeit geben auszuwandern.‹ Im Übrigen machte er die Rentner verächtlich. Man bekomme ›ein Grausen‹, wenn man sie nur sähe: ›Sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank.‹

Das wird von Aly als Beispiel für die »totalitäre Sprache« bezeichnet. Korrekt heißt es in dem Gespräch, direkt auf die Idee Rabehls, Bürokraten, welche »derartig in der Hörigkeit gefangen« seien, nach Westdeutschland quasi abzuschieben, in einer Replik Dutschkes:

»Halten wir fest: Die Bürokratie als Gewaltorganisation muß zerstört werden. Die Tausende und Zehntausende von menschlichen Arbeitsvermögen, die heute in der Bürokratie absorbiert sind, müssen aber produktiv ausgebildet werden. Da ist nichts mit dem bloßen Wegschicken getan, absolut nichts. (…) Niemand darf weggeschickt werden, sondern alle sind produktive Kräfte.«

Darauf antwortet Rabehl und spricht von der neuen »Struktur der Stadt«, welche sich durch »einzelne Kollektive« zu drei- bis fünftausend Menschen strukturiere:

»In dieses Kollektiv kann man die Bürokraten als Einzelne aufnehmen, sie müssen in diesen Lernprozeß eintreten und ein neues Bewußtsein entwickeln, sie müssen vor allen Dingen auch herausfinden aus ihrer stickigen Familiensphäre.«

Er nimmt also das Abschieben gleich wieder zurück. So wird aus der Diffamierung der ‘68er, welche ganz prinzipiell eine »totalitäre Sprache« gehabt hätten mit bösen Ideen, zumal gegen deutsche Bürokraten (!), ein geradezu herziger Versuch Überlegungen einer Emanzipation der Emanzipationsresistenten anzustellen. Schon 1968 wurde von dem Soziologen Erwin K. Scheuch genau die von Aly herangezogene Stelle zitiert und folgendes unterstellt:

»Und Rabehl sieht bei einem Fehlschlagen ›antiautoritärer‹ Umerziehung vor: ›Wo es ganz klar ist, daß eine Umerziehung unmöglich ist, etwa bei älteren Leuten… da sollte man den Betreffenden die Möglichkeit geben, auszuwandern.‹ Das also wäre die ›Endlösung‹ der Antiautoritären. Wer so weit geht, bei dem ist dann nicht mehr verwunderlich, daß er sich zur Entscheidung berufen fühlt, welche Bedürfnisse ›künstlich‹ und welche zu befriedigen sind.«[1]

Scheuch spricht, wie Aly 40 Jahre nach ihm, von einem »totalitäre[n] Charakter dieser Ersatzrebellion«[2] der APO, er imaginiert (auch) alte deutsche Männer und Frauen, die im SS-Staat auf die eine oder andere Weise aktiv waren, in der NSDAP, als SA-Mann, als Polizeibataillonsmitglied, als Wehrmachtssoldat oder als BundDeutscherMädel-Führerin etc. als Opfer einer neuen ›Endlösung‹. Wer so redet wie Scheuch ist ein Antisemit. Die ›Endlösung‹, die Shoah, wird vollkommen banalisiert und entwirklicht, wenn sie auf diese Weise herangezogen wird.

Bezüglich des ›Konsums‹ wiederum spricht Scheuch so positivistisch wie unkritisch daher, er kann in seinem bürgerlichen Wolkenkuckucksheim nicht sehen, dass kapitalistische Warenproduktion nicht primär das Ziel verfolgt, Menschen zu befriedigen, vielmehr Profit zu erzielen, ja die Menschen – stringent nach Marx – zum Objekt der sie zu Markte tragenden neuen Subjekte, der Waren, verkümmern. Der Auschwitz-Überlebende Jean Améry hat sich 1968 zu der Affirmation des Bestehenden am Beispiel des Konsums geäußert:

»[N]atürlich will jeder Tschechoslowake seinen Skoda haben. Es ist aber für mich die charakteristische Selbstsituierung meines Zensors [dem Sozialdemokraten Francois Bondy, der Améry kritisiert hatte, d.V.] als eines Mannes der Rechten! Die ›Wiederentdeckung des Konsumenten‹, die Wirtschaftsreform war, wie ich es sehe, das am wenigsten begeisternde Element des tschechoslowakischen Modells. Man muß nicht so weit gehen wie Alberto Moravis, der in seinem Buch ›Die Kulturrevolution in China‹ sagt: ›Das China in seiner heutigen Lage ist das Beispiel für die arme, das heißt, die normale und menschliche Menschlichkeit, die Vereinigten Staaten sind das Beispiel für die reiche, also anomale und unmenschliche Menschheit…‹ Nein, man muß nicht so weit gehen, um dennoch nicht in Verzückung zu geraten angesichts des Menschen in der ›Rolle des Konsumenten‹. Daß der Mensch konsumieren muß, um Mensch sein zu können, ist gewiß. Konsum ist auch ein Teil der Expansion seiner Menschlichkeit. Daß er aber nicht Mensch sein soll, um zu konsumieren, wie die Pyramidenspitze der Marktwirtschaft, der kapitalistischen, die ich beim besten Willen nicht als ›Mischform‹ sehen kann, das so will, dies erscheint mir als ein ebenso dringliches Gebot. Wer in der tschechoslowakischen Januar-Revolution in erster Linie den Willen zu einem menschlichen Sozialismus sieht, der steht links. Wer dieses Ereignis begrüßt als einen Triumpf dessen, was Erhard einst die soziale Marktwirtschaft genannt hat, steht rechts. Womit wir wieder an dem Problem links und rechts angelangt wären.«[3]

 

Wie sieht es mit dem zweiten Zitat von Aly aus, der expliziten ›Anti-Rentner-Passage‹? Das ist besonders brisant, hat doch Aly offenbar die Debatte der letzten Wochen über arme deutsche Rentner verfolgt und entdeckt schon 1968 – den Vätern des Multikulti-Kuschelns, welches wiederum ganz klammheimlich für das Schlagen deutscher Rentner verantwortlich gemacht wird – Tendenzen in diese Richtung. Was zitiert der Historiker?

»Im Übrigen machte er die Rentner verächtlich. Man bekomme ›ein Grausen‹, wenn man sie nur sähe: ›Sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank.‹«

Ja, einmal angenommen, es wäre den ‘68ern wie Rabehl oder Dutschke in jenem Gespräch über die Zukunft tatsächlich um eine scharfe Abrechnung mit deutschen Rentnern gegangen, was hieße das? Wer 1968 Rentner war, muss (Frührentner ausgenommen) mindestens 1903 geboren worden sein, gehört also exakt der Funktionselite des SS-Staates an. Wer schon 1933 30 Jahre alt war und Bürokrat, hat als Bahnbeamter im Zweifelsfall seinen Anteil am Holocaust. Bei der Enteignung der Juden im Nationalsozialismus waren viele Tausend Finanzbeamten aktiv beteiligt, Beamte, die dann z. B. 1968 Rentner waren. Solche Beamten anzugreifen, wäre mehr als gerechtfertigt. Aber bekanntlich war die Auseinandersetzung mit der Shoah und der Spezifik des Antisemitismus kein Thema der ‘68er, ›Faschismus‹ wurde nur als Herrschaft des Kapitalismus gesehen und nicht als Nationalsozialismus mit einer antijüdischen Volksgemeinschaft, die ihn exekutierte.

Wie also wurde in dem genannten Gespräch von 1967 auf Rentner tatsächlich referiert?

»S. Wir haben in Berlin den irrsinnigen Zustand einer rasch anwachsenden Veralterung. Wie kann man das Alter produktiv machen?

R. Die Voraussetzung dazu ist, daß die Verkindlichung und die vollkommene Apathie des Alters aufgelöst wird. Dazu müssen sie erst mal herauskommen aus ihren Höhlen, aus dem ganzen Milieu, das auf sie derartig bedrückend wirkt, daß sie nur dasitzen und auf den Tod warten. Wenn man die Leute auf den Bänken sitzen sieht, dann bekommt man ein Grausen, wenn man bedenkt, sie warten nur darauf, bis sie irgendwann einmal sterben, sie haben gar keine Ideen mehr, gar keine Vorstellungen, keine Hoffnungen, nichts mehr, für sie ist das Leben vorbei, und sie sitzen schon als Leichen dort auf der Bank. Die Alten müssen wieder hinein in die Zirkulationssphäre, aber auch in die Produktionssphäre, und zwar in ihre ehemaligen Werkstätten; wie viele alte Leute sehen wir, die morgens noch den alten Gang gehen, den sie fünfzig Jahr lang gemacht haben, dann aber vor dem Tor stehen bleiben und wieder zurückgehen. Diese Fabrik ist ein Teil ihres Lebens, und dann dürfen sie plötzlich nicht mehr hinein. Andererseits kennen sie ja am besten den Betrieb, die Parks, die Speiseräume, sie können dort essen, sie können dort diskutieren, sie sollen sogar an den Werksdiskussionen teilnehmen, sie dürfen nicht herausgedrängt werden. Es muß ihr Rat geholt werden.«

So wird aus einer vermeintlichen Anti-Rentner-Haltung der ‘68er eine geradezu un-fassbar rührige, zudem arbeitsfetischistische Heimholung des Arbeiters und der Angestellten und zwar genau jener Generation, die im NS-Staat aktiv war. Dass Juden – egal in welchem Betrieb oder welcher Behörde – gar nicht im Speisesaal sein durften, ja entweder entlassen oder deportiert worden waren oder beides, das fällt diesen ‘68ern gar nicht auf. Aly auch nicht. Ja, er lügt sich das Zitat zurecht und entstellt es komplett. Jeder Professor würde einem Studenten, der so zitiert, die Stelle anstreichen und vor Annahme der Arbeit eine Überarbeitung verlangen. Das macht einem Bestseller-Autoren im Sachbuch-Segment selbstredend gar nichts aus, die Frankfurter Rundschau wiederum hat keine Redakteurinnen oder Lektoren mehr, denen diese Passage beim Lesen des Textes vor Drucklegung aufgefallen wäre. Aly verkehrt ein Zitat aus Gründen der Publicity – böse, böse, die ‘68er waren schon gegen Rentner, hört, hört! – in sein Gegenteil. De facto sehen Rabehl oder Dutschke und Semler deutsche Rentner ganz mitleidig und wollen sie zurück holen in die Fabrik. Lediglich Enzensberger mokiert sich über den »naiven Fabrikglauben«, ohne gleichwohl die Rentner als solche mit ihrer je eigenen Geschichte, vor allem im Nationalsozialismus, zu ›belästigen‹. Soviel zur Fähigkeit des Historikers und Publizisten Götz Aly, Texte korrekt und nicht sinnentstellend, ja sinnverkehrend zu zitieren.

Aly setzt im Fortgang seines Textes Positionen zur Außerparlamentarischen Opposition (APO) des kritischen Theoretikers Max Horkheimer, des Sozialdemokraten Richard Löwenthal, des konservativen Joachim Fest und des Nazis und Bundeskanzlers der Großen Koalition 1966-69, Kurt Georg Kiesinger, gleich: alle hätten den »›Pro-Totalitarismus‹« der Studenten erkannt. Die Nazis von 1933 werden von Aly als arme Würstchen klein geredet: »Die Mehrheit der 33er Studenten litt an tiefer Unsicherheit«. So unsicher offenbar, dass sie mordeten und wüteten, vor 1933, gegen Juden hetzten in den schlimmsten, vulgärsten und mörderischsten Tönen, Parlamentarismus, Demokratie und westliche Zivilisation ablehnten, Marxisten und Kommunisten blutig schlugen und töteten, dass klar war, was ein Staat der NSDAP bedeuten würde. Von Aly werden sie zu Opfern stilisiert – und, grotesker noch – die Studenten von 1968 bzw. die APO insgesamt mit ihnen auf eine Stufe gestellt. Die Schuldabwehr Kiesingers wird einfach übernommen, die Tatsache, dass er NSDAP-Mitglied war, ist egal. Er habe doch in den 1960ern gesagt, dass er als junger Mann sich den »damaligen Politikern« gegenüber »arrogant« verhalten habe, »genauso arrogant, wie es unsere Studenten heute gegenüber uns sind«. Diese Rechtfertigung eines alten Nazis ist beachtlich.

3) »Arrogante Studenten« – 1933/1968?

Aly findet diese Gleichsetzung der angeblich »arroganten« Studenten damals und 1968 treffend. »Beide Studentenbewegungen protestierten gegen den Muff von Tausend Jahren.« Er möchte die Nazis von 1933 auf eine Stufe stellen mit den antiautoritären Studenten von 1968, ja er stilisiert die SA und all die anderen Nazi-Mörderbanden zu einer »Studentenbewegung«. Für einen Dozenten ist das ein beachtliches Manöver. Heutige Studierende sollen also lernen, dass Studentenbewegungen in Deutschland, vor allem jene von 1933 und 1968, total ähnlich und schrecklich gewesen seien. Beide wären gegen den Muff von Tausend Jahren gewesen. Das berühmte schwarze Transparent mit der weißen Aufschrift »Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren« wurde durch seinen Auftritt am 9. November 1967 in der Hamburger Universität berühmt. Zwei Studenten, darunter der spätere SPD-Politiker und Politikwissenschaftler Detlev Albers, hielten das Transparent pressegerecht vor den an jenem Tag neu eingesetzten Rektor der Universität, Werner Ehrlicher, der allein schon aufgrund seines Jahrgangs, 1920, auf seine Taten während der Zeit des Zweiten Weltkriegs hin befragt werden müsste. Die beiden Studenten wollten auf den Mief der alten deutschen Traditionen aufmerksam machen, nicht nur auf die Ordinarienuniversität, vielmehr auch auf die Tradition des ›Dritten Reiches‹. Zudem ging es ihnen um die Notstandsgesetze und andere zentrale Punkte der APO. Ganz zentral war die Forderung nach mehr Mitbestimmung der Studierenden an den Universitäten. Daraus nun wie Aly eine Identität von 1933 und 1968 zu machen, beide »Studentenbewegungen« seien »arrogant« gewesen, wie Kiesinger sekundiert wird, ist so unwissenschaftlich wie geschichtsverfälschend und grotesk. Die Nazis waren antiintellektuell, der Hass auf Intellektuelle, Brillenträger und Bücher war antisemitisch und keineswegs der NSDAP und ihren Organisationen wie der SA vorbehalten, vielmehr in Deutschland weit verbreitet, zumal in der Weimarer Republik. Dabei war das antiintellektuelle Ressentiment auch auf Seiten der Linken weit verbreitet, wie eine bekannte Studie des Historikers Dietz Bering schon vor 30 Jahren analysierte. Darauf jedoch geht Aly überhaupt nicht ein, er derealisiert das Spezifische von 1933 und seinen Bedingungen, wenn er es als »Studentenbewegung« herbei fabuliert. Die andauernde, jahrelange Hetze gegen die ›Judenrepublik‹ war ein zentrales Ideologem hin zur ›braunen Revolution‹ von 1933. Auch das Gerede Alys von den beiden Studentenbewegungen ist empirisch nicht haltbar: In der Sturmabteilung (SA), der wichtigsten Schlägertruppe der Nazis vor 1933, waren nur zwischen 3% und 7,3% Studenten, lediglich in München-Schwabing gab es 12% Studenten im Jahr 1932[4], was jedoch nicht repräsentativ ist und zudem eklatant von den Zahlen der Studierenden in der APO differiert. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hatte nur studentische Mitglieder, auch sonst waren in der APO überdurchschnittlich viele Studierende aktiv und nicht marginale 4%. Also auch rein immanent-empirisch ist Alys Analogie falsch.

»Die Machtergreifung war der Beginn einer Jugenddiktatur«, schreibt er, um gezielt nicht von der antisemitischen Volksgemeinschaft der Deutschen insgesamt zu reden. Dass weder Martin Heidegger noch Carl Schmitt oder Leo Weisgerber, alles drei wesentliche Professoren und Hochschullehrer während des Nationalsozialismus in den Bereichen Philosophie, Rechtswissenschaft und Sprachwissenschaft, jugendlich waren, spielt keine Rolle. Ohne das konservative, reaktionäre und nationalrevolutionäre Milieu der Weimarer Republik wie der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), dem Stahlhelm, völkischen Bünden und soldatischen ›Kameradschaften‹, Zirkeln wie dem George- oder dem Tat-Kreis, dem alten Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg sowie den zahlungskräftigen Teilen des deutschen Kapitals wäre es für die NSDAP schwerer gewesen die Macht zu bekommen. Aly ignoriert diese Fakten und setzt lieber Dutschke mit Goebbels gleich. Der Inhalt, das WAS der antijüdischen Hetze von Goebbels wird gar nicht erst erwähnt. So hat Goebbels 1926 in seinem Pamphlet Nazi-Sozi folgendes geschrieben:

»Gewiss ist der Jude auch ein Mensch. Noch nie hat das jemand von uns bezweifelt. Aber der Floh ist auch ein Tier, nur kein angenehmes. (…) Würden diese 60 Millionen gleich wie wir gegen den Juden kämpfen, dann brauchten sie sich nicht mehr zu fürchten, sondern dann wäre der Jude mit der Furcht an der Reihe.«[5]

Wenn Aly nun Dutschkes Sprache mit der von Goebbels auf eine Stufe stellt, argumentiert er antisemitisch. Warum? Es ist antisemitisch eine wie immer strukturierte linksradikale Rede eines ‘68ers mit der auf die Vernichtung der Juden zielenden Hetze eines Joseph Goebbels gleichzusetzen. Damit entwirklicht der Historiker den Judenhass der Nazis. Heutige Studierende, für welche Aly ja eine Vorbild sein soll, da er u.a. die große Quellenedition zur »Judenverfolgung« mit herausgibt, können sich in ihrer Unwissenheit locker auf ihn beziehen und einen antisemitischen Text wie jenen von Goebbels mit einem x-beliebigen Text Dutschkes in einem Atemzug nennen. Dabei würden sie zwar keinen einzigen Text Dutschkes oder eines anderen ‘68ers finden, welcher Juden als »Flöhe« bezeichnet, aber um historische Analyse geht es auch nicht. Es geht um eine Derealisierung der Spezifik des Nationalsozialismus und zugleich um eine antikommunistisch inspirierte, totalitarismustheoretische Banalisierung des Holocaust. Ja, noch perfider: es gab Nazis und Antisemiten zuhauf zur Zeit der ‘68er. Namentlich die NPD, welche 1968 mit knapp 10% in den Landtag von Baden-Württemberg einzog, war eine antisemitische Partei mit vielen alten NSDAPlern in ihren Reihen.

4) Bücherverbrennung 1933 = Anzünden von BILD-Zeitungen 1968?

Das ikonographische Herzstück des Artikels von Aly (in der Print-Ausgabe) ist ein farbiges, gut 30cm x 22cm großes Bild auf der inneren Doppelseite des vier Seiten umfassenden Panoramas. Darauf sind Haufen mit brennenden Büchern zu sehen. Es ist ein Bild der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz, heute Bebelplatz, Unter den Linden. Das Bild zeigt neben den in Flammen stehenden Büchern uniformierte Nazis mit Hakenkreuzarmbinden, Hakenkreuzfahnen, Schwarz-Weiß-Rote Reichsfahnen als auch Zuschauer mit Anzug, Mantel und Hut. Unter das Bild hat die FR folgende Zeile gesetzt:

»Schlechtes Vorbild? Studenten und andere Nationalsozialisten verbrennen am 10. Mai 1933 in Berlin verfemte Bücher. 1968 richtete sich die Wut der Studenten gegen die Springerpresse.«

Wie bitte? Die spontane Aktion gegen die Auslieferung der Bild-Zeitung vom 11. bis 15. April 1968 wird mit der geplanten antisemitischen Hetzkampagne gleich gesetzt? Bekanntlich gab es nach dem Mordversuch an Dutschke durch Josef Bachmann am 11. April 1968 spontane Wut- und Protestausbrüche der APO. Es wurde versucht, wenigstens die Auslieferung der Bild-Zeitung am Ostersamstag zu verhindern. Das gelang nicht. Bachmann, extra mit dem Zug aus München angereist, hatte eine 6mm-Röhm-Pistole, und einen unbändigen Hass auf Dutschke, den er, bevor er sich vergewissert hatte, dass er auch wirklich Dutschke vor sich hatte, mit »du dreckiges Kommunistenschwein« diffamierte und mit drei Kugeln niederstreckte. Bachmann jedoch führte nur aus, was viele Berliner bzw. West-Deutschen sich wünschten. Was stand in Dutschkes Hausflur geschrieben? »Vergast Dutschke«.[6]

Die Bücherverbrennungen 1933 waren eine geplante antijüdische Aktion. So hieß es bereits am 6. April 1933 in einem hektographierten Schreiben der Deutschen Studentenschaft (DSt), welche in Rivalität stand zum Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB):

»Die deutsche Studentenschaft plant anläßlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen ›Wider den undeutschen Geist‹ (die wir Ihnen als vorläufigen Entwurf in der Anlage beifügen) und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten. Die Aktion wird –  in ständiger Steigerung bis zum 10. Mai – mit allen Mitteln der Propaganda durchgeführt werden, wie: Rundfunk, Presse, Säulenanschlag, Flugblätter und Sonderartikeldienst der DSt-Akademischen Korrespondenz.«[7]

Die Bücherverbrennung war in vielen Orten obligatorisch für die gesamte Studentenschaft und auch die Professoren und Dozenten nahmen daran teil. In Würzburg wurde sie zu einem großen Fest der Studentenschaft, da sie an jenem Mittwoch vor der ›Aktion‹ ein neues »Studentenrecht« erhalten hatte. »Nach der Feier zogen die Studenten zum Residenzplatz, auf dem die feierliche Verbrennung der Bücher in Anwesenheit der Professorenschaft und der gesamten Studentenschaft stattfand.«[8]

Diese geplante Kampagne hatte unter ihren »12 Thesen wider den undeutschen Geist« folgende: »4. Unser gefährlichster Widersacher ist der Jude, und der, der ihm hörig ist« oder die 7. These: »Wir wollen den Juden als Fremdling achten und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache«. All diese antisemitischen Parolen wurden durch »Feuersprüche« untermalt, so hieß es in einem dieser Sprüche: »Rufer: Gegen seelenzerfressende Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.« Das wird nun von Götz Aly und der Frankfurter Rundschau auf eine Stufe gestellt mit dem Anzünden von Auslieferungsfahrzeugen und Exemplaren der Bild-Zeitung in jenen April-Tagen im Jahr 1968. Somit derealisieren, entwirklichen sie auch diese antijüdische Aktion deutscher Studenten und ihrer Freunde von der Kampagne ›Wider den undeutschen Geist‹ aus dem Jahr 1933. Es ist antisemitisch diese explizit judenfeindliche Aktion mit einer davon völlig verschiedenen, erstens spontanen, zweitens nicht antijüdischen und drittens auf Emanzipation und Selbstdenken zielenden Aktion in einem Atemzug zu nennen. Und vor allem: die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 war ein Schritt in Richtung Nürnberger Rassegesetze, in Richtung Reichspogromnacht 1938 und schließlich ein Schritt in Richtung Treblinka, Sobibor und Auschwitz. Aly vermittelt z.B. heutigen Studierenden, welche oft wenig Ahnung von historischen Fakten haben, das Verbrennen von Büchern vornehmlich jüdischer Autoren sei strukturell dem Verwüsten von Redaktionsräumen wie jenen der Bild-Zeitung München, dem Umwerfen von Auslieferungswagen oder dem Anzünden von Exemplaren der Bild gleich. Beide Phänomene werden so nicht erkannt. Wer auch nur ein klein wenig die Reaktionen nach dem Mordanschlag auf Dutschke kennt, weiß dass es spontan eine »Erklärung der 14« gab, verfasst von Professor Theodor W. Adorno, Professor Hans Paul Bahrdt, Heinrich Böll, Professor Peter Brückner, Professor Ludwig von Friedeburg, Professor Walter Jens, Professor Eugen Kogon, Professor Golo Mann, Professor Alexander Mitscherlich, Hans Dieter Müller, Professor Heinrich Popitz, Professor Helge Pross, Professor Helmut Ridder und Professor Hans-Günther Zmarzlik, in welcher steht:

»Zum zweitenmal innerhalb eines Jahres hat blutige Gewalt die Studenten getroffen. So isoliert die Hintergründe des Mordanschlags auf Rudi Dutschke auch scheinen mögen, sie enthüllen den Zustand unserer Gesellschaft. Angst und mangelende Bereitschaft, die Argumente der studentischen Opposition ernst zu nehmen, haben ein Klima geschaffen, in dem die gezielte Diffamierung einer Minderheit zur Gewalttätigkeit gegen sie aufreizen muß. Dieses Klima ist systematisch vorbereitet worden von einer Presse, die sich als Hüterin der Verfassung aufführt und vorgibt, im Namen der Ordnung und der Mehrheit zu sprechen, mit dieser Ordnung aber nichts anderes meint als ihre Herrschaft über unmündige Massen und den Weg in einen neuen, autoritätsbestimmten Nationalismus. Das Bündnis von bedenkenlosem Konsumjournalismus und wiederauflebender nationalistischer Ideologie, das die demokratisch engagierten Studenten und Intellektuellen seit Jahren als ›Linksmob‹, ›Eiterbeule‹, ›akademische Gammler‹, ›Pöbel‹, ›geistige Halbstarke‹, ›Neurotiker‹, ›Schreier‹ und ›Schwätzer‹ verunglimpft, droht das Selbstverständnis der Deutschen in einer Welt der friedlichen Verständigung, der fortschreitenden Aufklärung und Zusammenarbeit auch zwischen verschiedenen Gesellschaftssystemen abermals zu zerstören. Leitartikel des Springer-Konzerns forderten schon Anfang 1967 dazu auf, die Stadt Berlin vom ›immatrikulierten mobilisierten Mob‹ zu befreien…«[9]

Adorno und die 13 Kollegen ordnen den Mordanschlag auf den berühmtesten der Studenten richtig ein und verhöhnen jene nicht, die sich gegen Hetze und Gewalt vom Establishment wehrten. Aly hingegen sekundiert nur das Geblöke von damals, wenn man sich anschaut, wie beispielsweise Franz Josef Strauß, seines Zeichens Bundesfinanzminister und Vorsitzender der CSU, in der gleichen Ausgabe der Zeit, in welcher die Erklärung der Vierzehn abgedruckt war, reagierte:

»Es ist geradezu grotesk, daß die, die angeblich gegen Nazismus, Rassismus und Faschismus kämpfen, sich gegenüber den Springer-Zeitungen genau der gleichen Methoden bedienen, mit denen seinerzeit Elemente wie Julius Streicher gegen die Juden gehetzt haben.«[10]

Diese Schuldumkehr- und projektion ist typisch für den sekundären Antisemitismus. Neu ist höchstens, dass renommierte Historiker und eher links-liberale Blätter wie die FR heute, 40 Jahre nach Strauß, zu dem selben Muster greifen.

5) Weitere kategoriale und phänomenologische Gegensätze von 1933 und 1968

Einige unschwer noch erweiterbare Gegensatzpaare zu Alys geschichtverdrehendem Vergleich seien im folgenden gegeben. 1) Die Bezugspersonen der ’68er waren neben den SDS-Aktivisten viele ältere Theoretiker und Gesellschaftskritiker wie Adorno, Marcuse, Mitscherlich, Agnoli oder Peter Brückner, ein Jugendkult, wie von Aly suggeriert, trifft nur auf ›Aktivistenebene‹ zu. 2) Das Elite-Denken war zwar als Avantgarde-Position vorhanden, trifft aber nur einen Teil der ‘68er, für die Nazis war es konstitutiv, vor allem ›rassepolitisch‹ gedacht, die ›arischen Deutschen‹ als die Herren, was natürlich in Alys Komparatistik gar nicht vorkommen kann. 3) Gewalt sei beiden ›Bewegungen‹ inhärent. Auch das trifft nicht zu. 1933 war nicht nur gewalttätig, es war mörderisch, wie es zur Machtübergabe kam und zu Beginn des NS-Staates wurden täglich Menschen bedroht, geschlagen, ermordet oder in die bald eingerichteten KZs gesteckt. Die bekannteste Parole – meine späteren Eltern hatten sie mit ihren FreundInnen ganz bewusst im August 1968, am Tag nach dem Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei, auf die Heckscheibe ihres kleinen Autobusses gemalt, als sie von Berlin kommend Richtung Moskau losfuhren – hieß: »Make love not war«. Die späteren militanten Gruppen der nach-68er sind davon grundverschieden, insbesondere die Tupamaros Westberlin 1969, welche den ersten antisemitischen Bombenanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum nach 1945 verübten – am 9.November 1969 – , die RAF natürlich, oder auch die Revolutionären Zellen, Stichwort: antijüdische Selektion von Entebbe 1976. 5) Zu dem Punkt »totalitäre Sprache« ist oben am Beispiel der Rentner schon einiges gesagt worden, ein Vergleich mit der Rede eines Goebbels – wie oben zitiert – ist unredlich. Eine analytisch stringente Kritik marxistischer Phrasendrescherei wäre weiterhin wichtig, da viele der ‘68er weder Marx als Wertkritiker kannten noch eine Kritik an dessen Arbeitsontologie auch nur versuchten, die ebenfalls oben zitierte knappe Bemerkung Enzensbergers über die womöglich etwas naive Vergöttlichung der Fabrik, in welche die Rentner noch im Alter gern gehen sollten, als ›Berater‹ oder was immer, kann darüber nicht hinwegtäuschen. 6) Der Punkt »Von der Ich-Zeit zur Wir-Zeit« von Aly trifft ebenso ins Leere. Über den nationalistischen, volksgemeinschaftlichen Ungeist des Nationalsozialismus gibt es keinen Zweifel. Das Ich – wie verkümmert es auch immer dagewesen sein mag – musste ›aufgehen‹ (bzw. untergehen) im Ganzen des deutschen Nation. Libidinös konnte der Führer besetzt werden, was den späteren, gekränkten Narzissmus vieler Millionen Deutscher nach 1945 begründet. Die ‘68er hingegen zeichneten sich erstmal über ein neu zu erkämpfendes Ich aus. Viele Stunden pro Tag Lesen, Nachdenken, Reflektieren, Hinterfragen waren der Beginn des Aufbegehrens. Allerdings ging es durchaus geschlechtsspezifisch zu und die männliche Selbstverliebtheit einzelner Protagonisten war oft grenzenlos. Daran konnten kapitalistische Werbetechniken anknüpfen. Und schnell kam auch der linke Kollektivismus wieder in Mode, in der Tat, doch das war dann nicht mehr ’68, das waren die 70er, nicht nur die K-Gruppen, die auch Aly prägten und seine völlig unreflektierten Vergleiche mögen Zeichen eines Selbstexorzismus sein. Er möchte die Gewalt oder die Phantasien einer deutschen Kollektivität aus sich austreiben. Dabei jedoch verharmlost er die ›braune Revolution‹ von 1933 und kommt der Spezifik von ’68 erst nicht auf die Schliche. 7) Phänomene wie lange Haare, lustige Klamotten und Accessoires waren typisch für die ‘68er, entgegen den extrem autoritären Nazis von 1933, welche den Autoritarismus des Wilhelminismus, der nur leicht durch die Weimarer Jahre überdeckt war, auf ungeahnte Exzesse treiben wollten. 8) Der Hass auf Juden und deren Bücher indiziert ein generelles Aber gegen Lesen, (Selbst)Reflektion und Kritik. Die Verhärtung gegen sich selbst und die äußere Welt gleichermaßen ist Sinnbild des Uniformzwanges. Diese kehrte nur als lächerlichste Farce in den K-Gruppen der 1970er Jahre wider. 9) Gerade der Aspekt des Körpers und der Unterdrückung der inneren Natur ist ein Kernbestandteil des Nationalsozialismus. Der stählerne deutsche Arbeiter war Ideal, stramm stehen obligatorisch. Der lässige Schritt der Demonstranten – oder zuerst auch der Spaziergänger auf dem Kudamm beispielsweise – von ‘68 und davor könnte entgegengesetzter nicht sein. Zudem sind 10) Frauen ein wichtiger Akteur, ’68. Entgegen den patriarchalen Widerständen kämpfte die neue Frauenbewegung selbstbestimmt gegen Traditionen hierarchischen Lebens zwischen den Geschlechtern auf allen Ebenen. Sexualität ohne Fortpflanzung war wichtiger als Gebären für ›Führer, Volk und Vaterland‹ anno 1933ff.

6) Hannah Arendts Über die Revolution, Dutschke und Bad Boll, Februar 1968

Zucht, Ordnung, Gewalt im Alltag, stramme Haltung, Wutausbrüche, Aufhetzen von Zuhörern, Brüllen ohne Diskussion waren Kennzeichen nationalsozialistischer Agitation schon vor 1933, namentlich vom späteren Propagandaminister im SS-Staat, Joseph Goebbels. Aly setzt nun diesen Volksverhetzer gleich mit Dutschke, beide hätten irgendwie gegen Überkommenes revoltiert, um den »neuen Menschen« zu schaffen. Dass zumal Goebbels ›Erlösung‹ und ›Vernichtung‹ als Einheit ansah, die Vertilgung der Juden als unabdingbar für ein neues Deutschland betrachtete, wird abermals komplett derealisiert. In einem nicht überbietbaren totalitarismustheoretischen Blindflug ist für Aly Dutschkes Eintreten für Revolution, was immer damit gemeint war, das gleiche wie Goebbels‘ ›Reinigung des deutschen Volkes‹.

Aly postuliert:

»Es entsprach purer ahistorischer Einbildung, als Dutschke im Februar 1968 in der Evangelischen Akademie Bad Boll verkündete. ›Das Bürgersöhnchen und elitäre Gruppen der Gesellschaft anfangen, ihr Elitedasein und die verinnerlichten Mechanismen der elitären Haltung zu beseitigen, ist etwas historisch Neues in Deutschland, und das sollte gesehen werden.‹ Ähnlich wie später Dutschke forderte Goebbels sein akademische Publikum zur Bildung revolutionärer Bewusstseinsgruppen auf, zur Agitation in der Aktion: ›Einer muss anfangen! Stürzen sie die alten Altäre um! Rotten Sie den alten Menschen in ihrem Hirn und Herzen aus! Nehmen Sie die Axt in die Hand und zertrümmern sie die Lüge einer alten falschen Welt! Machen Sie Revolution in sich! Das Ende wird der neue Mensch sein!‹«

Auf dieser in der Tat berühmten Konferenz der Evangelischen Akademie Bad Boll, welche vom 9.-11. Februar 1968 stattfand, waren Dutschke und Ernst Bloch die Hauptprotagonisten. Es ging in Anlehnung an Hannah Arendts berühmte Studie Über die Revolution um deren Perspektiven heute. Dutschke lehnt nicht nur Gewalt gegen Menschen ab, er wendet sich selbstredend gegen ›Faschismus‹, gegen die Goebbels‘, Strassers und Hitlers, entgegen den Phantastereien Alys schreibt er wörtlich:

»Wenn wir die historische Begriffsbestimmung von Faschismus durchführen, dann können wir einfach bestimmte Elemente klar für den Begriff des Faschismus einsetzen. Erstes Element: elitäre Parteienführung, elitäres Führerprinzip, zweites Element: elitäre Parteienführung, drittes Element: Feindprojektion, Antisemitismus, viertes Element: terroristischer, brutaler Terror.«[11]

Diese Typologie des ›Faschismus‹ – natürlich sprach damals, wie erwähnt, fast keiner der Linken vom Nationalsozialismus als solchem – ist immerhin etwas, sogar der Antisemitismus taucht völlig zu Recht als wichtiges Element auf, wenngleich nicht als das zentrale. Aber schon hier ein Ton der Neuen, undogmatischen, antiautoritären Linken, zwar meilenweit entfernt von einer Analyse der antisemitischen Volksgemeinschaft der Deutschen, aber doch noch viel weiter weg von einem Goebbels. Wenn Aly Goebbels zitiert mit dessen Tirade gegen den »alten Menschen«, welcher in »Hirn« und »Herz« »ausgerottet« gehöre, dann ist das nicht weniger als das totale Gegenprogramm zu Dutschke und der antiautoritären APO. Jedes Wort eines Goebbels ist ein Prügel, während Dutschke in seinen Texten Erziehung und Gewalt angreift:

»Die permanente Gewaltanwendung der Herrschenden, die auch tagtäglich in unserer Gesellschaft getan wird, und zwar sublime Formen der Gewaltanwendung. Was ist autoritäre Erziehung anders als eine permanente Gewaltanwendung? Wir sollten den Gewaltbegriff genauer sehen und nicht nur die Maschinenpistolen und Tanks.«[12]

Für Aly ist die Tagung in Bad Boll Ausdruck einer Ähnlichkeit von Dutschke und Goebbels, die dialektische Analyse und Kritik Dutschkes, wie kritisierbar auch immer, wird mit einem völkisch-nationalistischen Gegenaufklärer kurzgeschlossen. Damit sekundiert Aly wiederum reaktionäre Positionen von 1968, als z. B. die Notgemeinschaft Evangelischer Deutscher wenige Wochen nach der Tagung schrieb:

»Wir wenden uns mit allem Ernst gegen die heute drohende Gefahr einer Politisierung unserer evangelischen Kirche. (…) Verherrlichung bindungsloser Vernunft, Annäherung an die kommunistische Heilslehre, Evangelische Akademien als Plattform für Revolutionäre, Ev. Studentengemeinden als antiparlamentarische Opposition. (…) Mißachtung der eignen Nation und Geschichte (…) Verzicht auf die deutschen Ostgebiete und die Rechte ihrer Menschen (…) Kirchentage mit Jazz und Tanz als politische Aktion, als geistiger Wahn, das Diesseits zu meistern (…).«[13]

Dieser Ton der evangelischen, autoritären Deutschen ist in seiner Gegenaufklärung evident. Die Aversion gegen jede Herrschaftskritik war wenig zuvor, Ende April 1968, mit den von der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD verabschiedeten Notstandsgesetzen deutlich geworden. Das hatte Adorno veranlasst, prägnant Stellung zu beziehen, in dem er konstatierte, dass die »Notstandsfreude kein Zufall ist, sondern Ausdruck eines mächtigen gesellschaftlichen Zuges«, was »die Opposition dagegen nicht mindern sondern steigern« sollte.[14] Als dann der Spiegel 1969 Adorno in einem Gespräch, in welchem es um Störungen des Unibetriebs an Adornos Institut ging, nassforsch fragte: »Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…«, konterte Adorno selbstverständlich: »Mir nicht«…[15]

7) Fetischismus der Mittel

Adorno hat die APO unterstützt, wo sie zu unterstützen war gegen das bürgerliche Establishment in der alten BRD. Er hat die APO ebenso substantiell kritisiert, wo sie zu hinterfragen ist. Er hat auf den lächerlichen Charakter von Straßenbarrikaden im Quartier Latin in Paris im Mai 1968 angesichts der Tatsache, dass Paris »die Bombe« verwaltet, hingewiesen.[16] Vor allem aber störte Adorno der Primat des Mitmachens. Kritik verstand er weiterhin als Distanz zu voluntaristischem Machen, Theorie als lediglich andere Form von Praxis.

»Aktionismus ist regressiv. Im Bann jener Positivität, die längst zur Armatur der Ichschwäche rechnet, weigert er sich, die eigene Ohnmacht zu reflektieren. (…) Aber das unmittelbare Tun, das allemal ans Zuschlagen mahnt, ist unvergleichlich viel näher an Unterdrückung als der Gedanke, der Atem schöpft.«[17]

Das ist weder APO-Position noch vom Establishment aus CDUCSUSPD einnehmbar, vielmehr Kritik im emphatischen Sinne. Problematisch ist jedoch Adornos Huldigung dem 20. Juli gegenüber, wie er im gleichen Text deutlich wird – er erwähnt deren Aktivität beim geplanten Attentat auf Hitler, ohne zu betonen, dass Stauffenberg und andere bis dahin weder mit dem Holocaust noch der Ideologie des Nationalsozialismus ganz allgemein auch nur irgendein grundsätzliches Problem hatten.[18] Er geißelt jedoch die Folterpraktiken des Vietcong, was die APO und Dutschke gern verschwiegen haben.[19]

8) Die »SA« als »Aufstand der Anständigen« gegen die »ungewaschenen Dutschkes«…

Zum Abschluss ist es angebracht auf Alys Gleichsetzung von 1933 und 1968 zurück zu kommen. Wie wurde die schon damals gern von sozialdemokratischer, konservativer, sonstiger Establishment-Sicht oder rechtsextremer Seite auf diese Analogie reagiert? Sehr aussagekräftig ist ein Leserbrief eines alten ›Kameraden‹ in einer Provinzzeitung. Der Spiegel berichtete:

»Nachdem der Oberndorfer Schwarzwälder Bote den Berliner SDS-Ideologen Rudi Dutschke und seine Anhänger in einem Artikel als ›linke SA‹ bezeichnet hatte, protestierte Hugo Gleiter aus Horb (am Neckar) in einem Leserbrief gegen diesen Vergleich: ›Als ehemaliger alter SA-Führer verwahre ich mich schärfstens im Namen meiner Kameraden gegen Ihren Artikel Linke SA im Schwarzwälder Boten. Wir weisen es zurück, mit den Teufels, Dutschkes und anderen ungewaschenen, verkommenen LSD-Schluckern in einen Topf geworfen zu werden. Die SA war der Aufstand der Anständigen gegen den damals auf allen Gebieten zutage getretenen Zerfall. Während die frommen Bürger zu träge und zu feige waren, hat die SA allein den Kampf gegen Verseuchung und Dekadenz aufgenommen. Diese schlichten Dinge werden total verdreht und vernebelt«.[20]

Das spiegelt das Klima, 1968, trefflich wider. Die antisemitische Purifikationsideologie brüllt aus jedem Satz. Wer jedoch diese Stimmung leugnet und noch 40 Jahre später den SDS oder die APO und namentlich Dutschke mit Goebbels, der SA und den Nazis gleichsetzt wie Götz Aly, generiert eine sekundär-antisemitische Reaktionsweise. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus wird bewusst vernebelt. Jede dialektische, unversöhnliche Kritik an den deutschen Zuständen wird negiert und alte Nazis und rechte Haudegen wie Joachim Fest oder Kurt Georg Kiesinger gar hofiert. Noch 1968 sahen sich allzu viele – nicht nur diejenigen in Baden-Württemberg, welche am 28.04.1968 der NPD 9,8% bescherten – in jenem Kampf gegen die ›Ungewaschenen‹ und ›Verseuchten‹, ja ›Dekadenten‹.

1968 wurde schon damals von kritischer als auch von reaktionärer Seite hinterfragt. Kritik an ›Konsumterror‹ war berechtigt, reflektierte aber selbst nicht, dass unmittelbare Aktion kein Ausweg daraus ist. 1968 war in vielem so falsch wie die Gesellschaft selbst. Reklametechniken wurden internalisiert und als subversiv ausgegeben. Die APO kümmerte sich kaum um die konkrete Geschichte des Nationalsozialismus, des Anteils der ganz normalen Deutschen an der Ausgrenzung und Vernichtung der europäischen Juden. Wer fragte damals schon danach, ob dieses oder jenes Haus womöglich ›arisiert‹ wurde? Oder ob das Mobiliar und die Bilder in den großen Berliner oder Frankfurter Wohnungen früher den dort lebenden Juden gehörten? Lieber wurde mit Arafat gekuschelt und der Judenhass neu codiert, als Antizionismus und Israelhass. All diese Phänomene, wie auch der Antiamerikanismus, das antiwestliche Ressentiment und die pro-östliche Sehnsucht nach Kollektiv und materieller wie geistiger Armut, zudem der Paramilitarismus, verdienen schärfste Kritik. Allerdings aus emanzipatorischer Perspektive und nicht als geschichtsklitternder, Nazi-Deutschland verharmlosender, totalitarismustheoretischer (Selbst)Exorzismus. Wer den 30. Januar 1933 und die antijüdische Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 ganz gezielt und paradigmatisch mit 1968 gleich setzt, ist ein Antisemit. Einer aus Abwehr der Erinnerung, die in solchen Vergleichen keine mehr ist. Götz Aly, der nur exemplarisch für eine große Tendenz in Deutschland steht, wird zum Bundesverdienstkreuz-tragenden, gleichsam ›modernen‹ Vertreter eines »soft-core denial« der Shoah. Wer den Unterschied zwischen der Bücherverbrennung vom 1933 und der (auch militanten) Kritik an der Hetze der Springer-Presse gegen die Antiautoritären und ›Ungewaschenen‹ im Jahr 1968 nicht kennt, sollte von der Analyse der Judenverfolgung im Nationalsozialismus schweigen.


   

[1] Erwin K. Scheuch (1968): Das Gesellschaftsbild der „Neuen Linken“, in: ders. (Hg.) (1968a): Die Wiedertäufer der Wohlstandsgesellschaft. Eine kritische Untersuchung der „Neuen Linken“ und ihrer Dogmen, Köln: Markus Verlag, S. 104-123, hier S. 120.
[2] Erwin K. Scheuch (1968b): Zur Einleitung, in: ders. (Hg.) (1968a), S. 7-12, hier S. 12.
[3] Jean Améry (1968): Neue Klischees eines Linksemotionellen, in: ders. (1971)/1980: Widersprüche, Frankfurt am Main/Berlin/Wien: Ullstein, S. 177-183, hier S. 181. Der Originaltext erschien am 25. Oktober 1968 in der Weltwoche.
[4] Peter Longerich (1989): Die braunen Bataillone. Geschichte der SA, München: C.H. Beck, S. 82f.
[5] Joseph Goebbels (1926)/1930: Der Nazi-Sozi. Fragen und Antworten für den Nationalsozialisten, München: Frz. Eher Nachf., S. 8f.
[6] Ulrich Enzensberger (2006): Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, München: Goldmann, S. 271-279.
[7] Zitiert nach Hans-Wolfgang Strätz (1968)/1983: Die geistige SA rückt ein. Die studentische »Aktion wider den undeutschen Geist« im Frühjahr 1933, in: Ulrich Walberer (Hg.) (1983): 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 84-114, hier S. 88.
[8] Ebd.: 107.
[9] Die Erklärung der Vierzehn vom 13. April 1968, publiziert in der Zeit, 19.4.1968, hier zitiert nach Hans-Joachim Winkler (Hg.) (1968): Das Establishment antwortet der APO. Eine Dokumentation, In Zusammenarbeit mit Helmut Billstein, Opladen: C.W. Leske Verlag, S. 57.
[10] Zitiert nach Winkler (Hg.) (1968), S. 60.
[11] Revolution in Deutschland. Ernst Bloch und Rudi Dutschke (1968), in: Helmut Geiger/Armin Roether (Hg.) (1999): Dutschke und Bloch. Zivilgesellschaft damals und heute, Mössingen: Talheimer, S. 170-197, hier S. 186.
[12] Ebd.: 182.
[13] Anzeige in Die Welt, 15.3.1968, zitiert nach Winkler (Hg.) (1968), S. 101f.
[14] Theodor W. Adorno (1968a): Gegen die Notstandsgesetze, in: ders. (1998): Gesammelte Schriften 20/1, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 196-197, hier S. 197.
[15] Theodor W. Adorno (1969): »Keine Angst vor dem Elfenbeinturm«. Ein »Spiegel«-Gespräch, in: ders. Gesammelte Schriften 20/1, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 402-409, hier S. 402.
[16] Theodor w. Adorno (o.J.)/1998: Marginalien zu Theorie und Praxis, in: ders. (1998): Gesammelte Schriften 10/2, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 759-782, hier S. 771.
[17] Ebd.: 776f.
[18] Vgl. ebd.: 778.
[19] Vgl. ebd.: 777f.
[20] Der Spiegel, 22.1. 1968, zitiert nach Kursbuch 12, April 1968, S. 183, Anm. 14.

13 Antworten zu “1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly”

  1. Somebody translate, please! « Freunde der offenen Gesellschaft sagt:

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  2. Roland sagt:

    Lieber Herr Heni, was haben Sie sich denn da herausgepickt?
    Ein legitimer Vergleich ist doch der Jubel der K-Gruppen über den Massenmord in China und Pol Pot….

    Nazi-Größen wurden 68 bejubelt. So war es!

    Leseprobe zu Götz Aly (eh. TAZ-Redakteur): Unser Kampf. Teil 1
    11.02.2008.

    Analog zu dem für die NS-Zeit immer wieder erörterten Thema “Was konnten die Deutschen wissen?” ergibt sich für die Mao-Bewunderer von einst die Frage: Was hätten sie, was hätte ich über die Herrschaft des Verbrechens in China 1967/68 genau erfahren können?

    Sehr viel! Bereits der Beschluss, mit dem die Führung der KP Chinas die Kulturrevolution ausgerufen hatte, kündigte massive Gewalt an. Er war am 8. August 1966 in Peking veröffentlicht worden. Den Kritikern der Politik Maos wurde darin der “Kampf auf Leben und Tod” angesagt, “die ganze Härte der Diktatur des Proletariats”. Der deutsche Wissenschaftler, der solche Dokumente ebenso wie die mündlichen und schriftlichen Berichte aus China fortlaufend sammelte, las und publizierte, hieß Jürgen Domes. Er saß mitten auf dem Campus der Freien Universität im Otto-Suhr-Institut. Ein Experte von hohen Graden. Bei ihm hätten wir uns leicht unterrichten können. Fortlaufend bot er einschlägige Seminare zur chinesischen Innenpolitik an.

    1967 publizierte Domes Einsichten wie diese: Beginnend in Peking, Schanghai und anderen Großstädten wurden Kritiker des Parteiführers von den Rotgardisten “durch die Straßen geschleift, geschlagen, gedemütigt, gefoltert und mit Sicherheit in vielen Fällen auch getötet”. Sie “zerstörten Tempel, christliche Kirchen und einige Museen und führten ‘Haussuchungen’ durch, denen ‘bourgeoise Luxusartikel’ wie Standuhren, Aquarien und Musikinstrumente zum Opfer fielen.” Am 24. Januar 1967 hatte Chinas Außenminister Marschall Ch’en Yi in einer “Selbstkritik” vor Rotgardisten in Peking mitgeteilt, “dass allein im Spätsommer und Herbst 1966 mehr als 400.000 Kader physisch liquidiert worden” waren.(165) In seiner Arbeitsstelle führte Domes von Beginn der Kulturrevolution an genau Buch, wer alles aus der Führungselite Chinas verhaftet worden war, “Selbstmord” begangen hatte oder an “Herzschlag” gestorben war.(166) 1964 hatte Domes errechnet, dass die Sozialisierung der Landwirtschaft und Naturkatastrophen in China zu einer Hungersnot geführt und binnen 18 Monaten “mindestens 10,5 Millionen Todesopfer” gefordert hatten.(167)

    Im Kursbuch 9, das zufälligerweise punktgenau im Juni 1967 herauskam, hatte Enzensberger eine 80 Seiten lange Eloge zum Thema “Dialektik in China. Mao Tse-tung und die Große Kulturrevolution” aufgenommen. Verfasst und mit Fußnoten förmlich gespickt hatte es der schon vorgestellte Mao-Hagiograph Schickel. Den China-Kenner Domes zitierte er nicht. Stattdessen warnte er vor den “fatalen” Flüchtlingsberichten und verwies auf Quellen wie diese: “Vorsitzender Mao feiert zusammen mit einer Million Menschen die große Kulturrevolution, in: Peking Rundschau 1966/35.” In der Sache aber stützte sich der Kursbuch-Autor auf einen deutschen Ökonomen, der eine längere Studienreise nach China unternommen und darüber das zahlenstarke Buch “Die chinesische Volkskommune im ‘großen Sprung’ und danach” veröffentlicht hatte. Der Verfasser dieser Studie pries das chinesische Experiment als erfolgreiche Form totalitärer Entwicklungspolitik. Die Hungersnöte mit Millionen Toten verschönte er zur “Zeit der Unterernährung”, an anderer Stelle zum “zeitweiligen Rückschlag”. Er lobte die “beträchtliche Verminderung der städtischen Bevölkerung” zugunsten der “landwirtschaftlichen Front” und widmete dem staatlichen “Umsiedlungsamt” warme Worte: “Rückführung von mehr als 20Mill. Arbeitskräften in die Feldarbeit.” Die “schroffen Maßnahmen” in China, “die stets mit großen Opfern und Verlusten verbunden sind”, rechtfertigte er mit der notwendigen Kapitalbildung.(168)

    Dieser in Schickels Kursbuch-Artikel immer wieder herbeizitierte Kronzeuge hieß Max Biehl. Er hatte 1940 bis 1944 die Grundsatzabteilung der Hauptabteilung Wirtschaft im deutsch besetzten Polen geleitet. Der NSDAP war er 1933 beigetreten. Als die Slowakei 1939 von Hitler-Deutschland als selbständiger Staat kreiert wurde, riet Biehl im Hamburger Wirtschaftsdienst dazu, die neue Regierung solle sofort “die Lösung der Judenfrage”, “die allgemeine Enteignung des jüdischen Grundbesitzes” und eine “Neugruppierung im Kreditwesen” auf die Tagesordnung setzen. Kaum war das vollzogen, freute er sich, dass für nicht-jüdische Slowaken “Aufstiegsmöglichkeiten im Staatsdienst und in freien Berufen freigemacht” worden seien. Im besetzten Polen entwickelte derselbe Mann seine Passion für Umsiedlungsbehörden, die ihm 25 Jahre später im kommunistischen China so außerordentlich lobenswert und gut bekannt erscheinen sollten.

    Im Januar 1941 teilte Biehl seinen hanseatischen Lesern mit, dass Umsiedlungen die “Ausgangspunkte des deutschen Aufbauwerkes” im besetzten Polen seien: “Es würde aber zu weit führen, hier im einzelnen die Personenkreise anzugeben, die einerseits für die spätere Aussiedlung, andererseits für die Heimkehr oder Einweisung in das Generalgouvernement in Frage kommen mögen.” In der von ihm mitbegründeten deutsch-polnischen Zeitschrift Die wirtschaftliche Leistung drückte sich Biehl Ende 1942 deutlicher aus: “Durch die inzwischen erfolgte Aussonderung der Juden wird der Bevölkerung des Generalgouvernements Raum für Aufstieg geschaffen.”(169)

    Auf solchen geistigen Grundlagen propagierte das Kursbuch 1967 die Kulturrevolution Maos. Für die, die solche Texte damals gläubig verschlungen haben, bleibt das eine biographische Schande. Hans Magnus Enzensberger erklärte im September 2007, er sei in jenen Jahren als Kursbuch-Herausgeber gewissermaßen ethnologisch interessierter “teilnehmender Beobachter” gewesen. Christian Semler, der 1970 bis 1980 die maoistische KPD mit anführte, täuschte sich und andere, als er 1998 behauptete: Man habe von der “chinesischen Utopie” in den späten Siebzigerjahren unter anderem deshalb abgelassen, “weil die Fakten der massiven politischen Unterdrückung ans Licht kamen”.(170)

    All das hätte Semler bequem schon am 6.Oktober 1974 wissen können, als er seinen KPD-Anhängern zum 25.Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China erklärte: “Die deutschen Genossen verfügten im großen schöpferischen Beitrag des Genossen Mao Tse-tung [über] einen sicheren Kompass.” Im Übrigen ließ er noch jahrelang “Arbeiterdelegationen” seiner Operettenpartei zu Freundschaftsbesuchen in die Volksrepublik China aufbrechen und sie dort zu festlichen Banketts einladen. Nachdem der Große Vorsitzende am 9. September 1976 das Zeitliche gesegnet hatte, veranstalteten die deutschen Maoisten in Düsseldorf ihre zentrale Trauerfeier. Im November 1976 dienerte Semler mit seinem Zentralkomitee vor dem Zentralkomitee der chinesischen Bruderpartei in Peking.(171) Am 10. April 1976 zelebrierte er mit seiner strenggläubigen Kommunistensekte in Dortmund eine “Festveranstaltung” zum ersten Jahrestag der Eroberung von Phnom Penh durch die Massenmörder Pol Pots. Im Januar 1978 erklärte diese KPD ihre “bedingungslose Unterstützung” für Pol Pot.(172)

    Auch wenn die meisten wesentlich früher zur Einsicht gelangten als die KPD-Maoisten, so gilt für die frühen Jahre der Revolte doch: Wir radikalen Linken wollten die Tatsachen lange Zeit nicht sehen. Sie störten die gemeinschaftliche Einbildung, die Lust, das in der Ferne gelegene ganz Große zu adorieren. Das allzu genaue Wissen hätte den Konsens gestört, demgemäß beim Hobeln für revolutionäre Ziele eben auch Späne fallen und Opfer in Kauf genommen werden müssen. Deshalb stempelten wir den Boten Domes zum abgefeimten “Rechten”. Ende April 1968 wies Bundesforschungsminister Stoltenberg in einer Fernsehdiskussion auf die “Grausamkeiten” der chinesischen Kulturrevolution hin. Sein Gesprächspartner Rabehl entgegnete: “Das ist eine zynische Unterstellung jetzt von Ihnen.”(173) Zur selben Zeit publizierte Günter Amendt (SDS) die durch und durch gegenaufklärerische Voltaire Flugschrift Nr.13 “China. Der deutschen Presse Märchenland”. Freilich enthält sie viele, damals als verzerrte Darstellungen der bürgerlichen Presse denunzierte Wahrheiten.

    Lese ich die Schriften von Jürgen Domes (1932-2001) heute, erkenne ich mit der selbstverschuldeten Verspätung von 40 Jahren einen Wissenschaftler, der empirisch sorgfältig arbeitete und umsichtig urteilte. Keinesfalls trübte schäumender Antikommunismus seinen Blick. Doch die Kinder der Nazis tanzten um einen kultigen Massenmörder, bewunderten einen großen Führer, der in der von Albert Speer und Joseph Goebbels bevorzugten Bildsprache den angeblich glücklichen Massen zuwinkte und gelegentlich zu ihnen sprach.

    ———————————————————————-

    (165) Domes, Ära Mao Tse-Tung, S. 152 f.
    (166) Jürgen Domes, Stand der Dinge im VIII. ZK der KCh, Mitte Januar 1967 (Manuskript); AdsD, N Löwenthal/81
    (167) Domes, Volkskommune, S. 50 f.
    (168) Biehl, Volkskommune, S. 26, 49, 53, 146, 220
    (169) Zit. nach Aly, Heim, Vordenker der Vernichtung, S. 243, 249, 354, 357
    (170) Semler, Wiedergänger, S. 136
    (171) BfV, Informationen, 11/1974; Barch, B 443/554; BfV, Informationen, 5/1975; ebd., 556; Vierteljährliche Informationen 3/1976; ebd., 547
    (172) BfV, Informationen, 5/1976; ebd., 548. Am 24.4.1976 eilten zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen des ZK der KPD und der parteinahen Massenorganisationen Liga gegen den Imperialismus und Indochina-HIlfe zu den kambodschanischen Revolutionsfeiern nach Paris (ebd.). Zur Grußadresse von 1978 an Pol Pot, Jasper u.a., Partei kaputt, S. 136
    (173) Bundespresseamt, Protokoll der Sendung, geleitet von Günter Müggenburg, 3.5.1968; Barch, B 136/13316

  3. Thorwald Proll sagt:

    Jealous guy

    Es ist schon erstaunlich, wie eine falsche These polarisiert.
    68 ist nicht ein zweites 33 gewesen. Dass ich das sagen muss, ist bereits ein Triumpf der falschen Denkungsart. Es könnte ja etwas dran sein, an diesem Vergleich, und schon träufelt das Gift der unbewältigten Vergangenheitsbewältigung ins Dichten und Trachten uniformierten Denkens.

    Götz Aly gehörte in West-Berlin nicht zu den originären Denkern des SDS,
    wie Bernd Rabehl, Christian Semmler, Rudi Dutschke, Tillmann Fichter oder
    Wolfgang Lefevre es waren, um nur einige zu nennen. Auch später nicht
    bei der Roten Hilfe. Da waren das eher Klaus Hartung oder Martin Schmidt.
    Götz Aly stand eher in der zweiten Reihe, und das ist sein Problem. Genau wie Wolfgang Kraushaar muss er deshalb heute lauter tönen. Dann klingen nicht Argumente, sondern das Missgeschick, von den Göttern nicht ganz vorn mitausersehen worden zu sein, macht sich bemerkbar.

    Die Beschäftigung mit dem Nazionalsozialismus hat Götz Aly offensichtlich das Gehirn vernebelt. Nun wird alles weitere in der Geschichte, was folgt, in diesen Nebel gehüllt. Nicht wir probten fleißig für ein neues 33, sondern der Senat und die Polizei von West-Berlin. Wäre Götz Aly Fliegenforscher geworden, oder hätte die Farbe Blau studiert, würde er jetzt mit der gleichen Hartnäckigkeit und Unterstellungswut auch alles vereinfachen.
    Nationalsozialismus, Fliegenscheiße, Blaumänner vernebeln die Sicht.

    Wie hypnotisiert stülpt Götz Aly über 68, die Antiautoritären auf dem Campus, das zur Eroberung des Staates geronnene 33.
    Herbeigeprügelt in den Straßenschlachten zwischen Kommune und SA, diese bestehend aus Kleinbürgern, deklassierten Arbeitslosen und krimminellen Freikorpssoldaten, blieb die SA Sieger.
    Eine größere Geschichtsfälschung lässt sich für mich schwer denken.

  4. Diskurs über 1968 Anno 2008 « Raumzeit sagt:

    […] Die vollständige Rezension von Ingo ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 21. Februar erschienen. Eine geharnischte wie ausführliche Gegenrede gibt es von Clemens Heni: 1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly. […]

  5. Endlich: Götz Aly als Antisemit entlarvt! « By the Way, Ingo said … sagt:

    […] Endlich: Götz Aly als Antisemit entlarvt! Ein weiteres trauriges Beispiel linksradikalen Wahns von Clemens “Dr. phil.” Heni. Veröffentlicht in: […]

  6. rente-allgemein » Blog Archiv » Beispiele - Rente mit 85 Jahren sagt:

    […] Und wo ist jetzt dein Problem? Nehmen wir deinen Superreichen? Stört der dich so sehr? Führen wir das mal in einem übertriebenen Beispiel fort: Beliebiges sozialistisches System: 100% verdienen das Durchschnittseinkommen von 30000 Euro im Jahr. Beliebiges kapitalistisches System: 99% verdienen das Durchschnittseinkommen von 30000 Euro im Jahr. 1% verdienen 1 Milliarde Euro pro Jahr. Welches System wäre dir lieber? In der Realität sähe es wohl eher so aus: Beliebiges sozialistisches System: 99% verdienen das Durchschnittseinkommen von 10000 Euro im Jahr. 1% verdienen 100 Million Euro im Jahr. Beliebiges kapitalistisches System: 99% verdienen das Durchschnittseinkommen von 30000 Euro im Jahr. 1% verdienen 200 Million Euro pro Jahr. Die Zahlen stimmen natürlich nicht, verdeutlichen aber den Unterschied. Die Schere ist absolut gesehen größer im kapitalistischen System, relativ gesehen viel kleiner, aber alle haben mehr. Die Schere ist relativ gesehen größer im sozialistischen System, absolut gesehen viel kleiner, und alle haben weniger. Was ist dir lieber? Gleichheit in Armut, wie es wohl der heimliche Traum vieler Sozialisten ist? […]

  7. Apply food stamp sagt:

    I wanted to research this subject and write a paper. Your post what a thousand words would not. Nice job.

  8. Albert sagt:

    Super! Danke schön für die Mühe, dieses Gestrüp zu entwirren.

    Dazu beitragen möchte ich noch folgendes: im grunde genommen sind leute wie Aly Teile eines neuen dialektischen Prozesses, einer neuen Revision. Im Makro bereich geht es darum, tradition, moderne und Postmoderne zu verbinden. Deswegen kommen seit Jahren immer mehr neue “verdrehungen”, untersuchungen von Spiegelungen von Strukturen von ideolgien in anderen Ideologien uä auf den markt, eine Art globale Ent-Wirrung, neu-orientierung im InterpretationsDschungel.

    Denke ich.

    Danke nochmal, so einer Arbeit hätten sich wenige gestellt : )
    und alles gute

  9. Clemens Heni: Die »SA« war der »Aufstand der Anständigen«… oder: 1968 war nicht 1933 - Analysis - SPME Scholars for Peace in the Middle East sagt:

    […] Source: Scholars for Peace in the Middle East (SPME) var addthis_config = { services_compact: "digg,tumblr,favorites,facebook,twitter,printfriendly,more", services_exclude: "print,email,pdfonline", } var addthis_share = { templates : { twitter : "{{title}} {{url}} (via @[ScholarsForPeace])" } } Tweethttp://www.wadinet.de/blog/?p=760 […]

  10. http://doris-schlee.de/cgi-bin/info.php?a=how+to+get+rid+of+anxiety+permanently+a+hrefhttp4good.co4goodindex2.phpabc123abc123singlemomsincome.comcan-i-borrow-a-couple-minutes-of-your-time-for-a-good-cause-pleaseRead+Homepagea sagt:

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    WADIblog» Blogarchiv » 1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly…

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