Mahner & Wacher

25. November 2007, von Thomas von der Osten-Sacken

Adorno schrieb einmal, dass nur ein Teil all jener Affekte, die aufgewendet werden, das schlechte Bestehende zu verteidigen, ausreichten, um es zu überwinden. Überträgt man diesen Gedanken auf die unselige Dauerbeschäftigung von allerlei Initiativen und Gruppen mit dem Nahostkonflikt, könnte man wohl guten Gewissens sagen: all die Mühe, die aufgewendet wird, um Israel zu denunzieren und die eigenen Ressentiments mit einem Mäntelchen der Humanität zu verhüllen, reichten wohl mehr als aus, unzähligen Menschen in der Region ein besseres Leben zu ermöglichen.

Stattdessen aber arbeitet der Antizionist sich unermüdlich an der Existenz des jüdischen Staates ab, mit dem einzigen Ziel, diesen irgendwie zum Verschwinden zu bringen.

Die neueste Manifestation dieses Unterfangens, die so dumm ist, wie alle ihr Zuvorgegangenen, stammt von einem „Ökumenischen Zentrum für Umwelt-, Friedens- und Eine-Welt-Arbeit in Berlin-Spandau“, das sich genötigt fühlt, am 29.11.2007 zu einer „Mahnwache: 60 Jahre Teilungsplan der Vereinten Nationen“ aufzurufen und dies auch tut – und zwar mit einem Text, der einmal mehr jene aparte Mischung aus Tatsachenversessenheit,  Selektivität mit mangelndem Ausdrucksvermögen verbindet, die die Palästinasolidarität so einmalig auszeichnet:

Mit der Verabschiedung der Resolution 181 durch die UN-Vollversammlung am 29. November 1947 sollten ein jüdischer und ein palästinensischer Staat entstehen. Für die Palästinenser aber begann der Abbau ihrer Lebens- und Menschenrechte.

Nachdem man sich offenbar auf unzähligen Demos gegen Sozialabbau  getummelt hat, erschien dieses Wortungetüm so überzeugend, dass nunmehr auch „Lebens- und Menschenrechte“ abgebaut werden, als handele es sich um die Rednertribüne einer Friedensemonstration. Wer aber den „Abbau von Menschenrechten“ beklagt, kann von ihnen keine große Meinung haben.

Ebensowenig wie von der Geschichte selbst, aus der sorgsam herausgelöst wird, was dem eigenen Weltbild zupass kommt:

Palästinenser und arabische Staaten lehnten den Teilungsplan ab. Es folgten noch vor der Ausrufung des Staates Israel am 14. Mai 1948 die Vertreibung Hunderttausender Palästinenser durch zionistische Milizen, Massaker an der Bevölkerung und Zerstörung palästinensischer Dörfer. Am 15. Mai1948 erklärten die arabischen Nachbarstaaten Israel den Krieg. Israel siegte und annektierte weiteres palästinensisches Land. Das Ergebnis des Krieges war: 800000 Palästinenser waren vertrieben worden, sie leben z. T. bis heute in Flüchtlingslagern der Nachbarländer; fast die Hälfte der palästinensischen Dörfer war zerstört, und Israel besaß 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebietes. Der von der UNO versprochene eigene palästinensische Staat existiert bis heute nicht.

Man erwartet ja von den Ökumenen aus Spandau nicht, dass sie an die Äußerungen des damaligen Generalsekretärs der arabischen Liga, Azzam Pascha erinnern, der angesichts jener Kriegserklärung am 15.Mai auf einer Pressekonferenz in Kairo ausrief: “Es wird ein Ausrottungskrieg und ein gewaltiges Blutbad sein, von dem man einst sprechen wird wie von den Blutbädern der Mongolen und der Kreuzzüge.”
Aber auch wenn in der Tat 1947/48 wie in Deir Yassin schreckliche Massakern an der arabischen Bevölkerung stattfanden, Dörfer zerstört wurden und es seitens zionistischer Organisationen zu gezielten Transfers kam, so möchte man doch die Quellen kennen, die von Hunderdtausenden Vertriebenen vor dem Mai 1948 sprechen.

Und man möchte auch wissen, ob die Mitglieder des Ökumenischen Zentrums am 14. und 15. August der Gründung Pakistans und Indiens ebenfalls mit einer Mahnwache gedachten.

Damals nämlich verloren Millionen Menschen Heimat und/ oder Leben, wie einer Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung nachzulesen ist, die sicher auch für das Zentrum in Spandau per Google-Suche in Erreichbarkeit liegt:

Die Teilung des indischen Subkontinents in das muslimische Pakistan und das vorwiegend hinduistische Indien 1947 bei der Entlassung in die Unabhängigkeit führte zu einem Massenexodus von rund 13 Millionen muslimischen Gläubigen und Hindus in die jeweilige Richtung. Dabei kamen durch Gewalttaten, durch Hunger und Durst, nach Epidemien und Erschöpfung zwei Millionen Menschen ums Leben.

Aber die Juden waren wohl ausnahmsweise an dieser Katastrophe nicht schuld, und wer so engagiert gegen den Abbau von Menschen- und Lebensrechten kämpft, hat eben nicht die Zeit sich um „alles Elend in dieser Welt zu kümmern“, wie es immer so schon von Seiten der Mahner & Wacher der Palästinasolidarität heißt – die by the way noch keinem Palästinenser irgend etwas gebracht hat -, wenn man sie auf ihr selbstvergessenes Tun anspricht.

PS: Der irakisch-kurdischen Newsservice Kurdmedia veröffentlicht heute einen Artikel, der sich wie eine Replik auf den Aufruf des Ökumenezentrums liest. 
 

2 Antworten zu “Mahner & Wacher”

  1. Roger Bückert sagt:

    Eine bessere Bewertung hätten die Spandauer Ökumenefreunde auch wirklich nicht verdient!
    Zutreffend und sehr schön gesagt…………….

  2. Pole sagt:

    Don’t waste yourself in rejection, nor bark against the bad, but chant the beauty of the good.

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