Katalanische Pixel-Stürmerei zur Buchmesse oder „Wir sind keine Institution, die den Holocaust leugnet“

06. Oktober 2007, von Thomas von der Osten-Sacken

elmur.jpg

Die Buchmesse naht, diesmal mit dem Länderschwerpunkt Katalonien, und folgerichtig bemüht man sich in Frankfurt um Künstler und Schriftsteller aus diesem Autonomiegebiet Spaniens. Wie jedes Jahr veranstaltet auch das „Fotografie Forum International“ (FFI) eine Begleitsaustellung: »NOU-NOW. Contemporary Catalan Photography«

Die Buchmesse wiederum kündigt diese Veranstaltung selbstredend in ihrem Programmheft an und wählt für ihre Broschüre aus hunderten von Bildern katalanischer Photographen und Künstler ausgerechnet eines von  Joan Fontcuberta mit dem Titel „El Mur“ aus.

Auf diesem Bild ist ein Mann mit arabischer Kopfbedeckung vor jenem Teil des Sperrzaunes zwischen Israel und der Westbank zu sehen, der als Betonmauer gebaut wurde.

Da Fontcuberta offenbar gerne googelt, hat er, wie die Bildunterschrift zu „El Mur“ erklärt, das Bild aus zehntausenden von kleinen, im Internet gefundenen, Digitalbildern zusammengesetzt: 

Das Foto wurde mittels einer Fotomosaik-Freeware modifiziert, die mit der Google-Bildersuche gekoppelt wurde. Das resultierende Bild setzt sich aus zehntausenden Fotos zusammen, die im Internet aufzufinden sind, wenn die Namen aller nationalsozialistischen Konzentrationslager als Suchkriterien angewandt werden. Die Liste enthält die Begriffe: Arbeitsdorf, Auschwitz-Birkenau, Barduffos, Belzec, Bergen-Belsen (dann werden sie alle aufgezählt Anm. d. Verf)“.

Die Summe aller Konzentrationslager, in den 6 Millionen Juden vernichtet wurden – in diesem Zusammenhang scheinen Roma und Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, russische Kriegsgefangene, polnische Intellektuelle und politische Gegner des Nationalsozialismus keine Rolle zu spielen – setzt der katalanische Künstler also in der dem Bild inhärenten Botschaft gleich mit einem Sperrzaun, dessen erklärtes Ziel es ist, gerade weitere Morde an Juden zu verhindern, also Leben zu retten, nicht zu vernichten.

Diese Pixel-Stürmerei unterbietet noch gekonnt die Mehrzahl all jener antisemitischen Karikaturen, die täglich in der arabischen Presse erscheinen, ist künstlerisch einfach nur schlechtester Agitprop und gehört, wenn überhaupt, dann in Teheran ausgestellt.

Nun hängt sie in Frankfurt aus. Denn weder hatten das Kuratorium des „Fotografie Forums“ noch die Lektoren der offiziellen Broschüre der Buchmesse offenbar irgend ein Problem mit diesem „Kunstwerk“.

Dies verwundert umso mehr, als der letzte diesbezügliche Skandal, den es bei der Buchmesse gegeben hat, gerade einmal drei Jahre zurückliegt. Damals gastierte die „arabische Welt“, repräsentiert von der Diktatorentruppe namens „Arabische Liga“ auf der Buchmesse. Zur Eröffnung sprach unter anderem Mohammad Salmawy, ein notorischer Holocaustleugner und Antisemit. Nicht genug, in Begleitveranstaltungen tummelte sich das Who is Who islamistischer und arabischer Antisemiten herum, um dort, als „Dialog der Kulturen“ verbrämt,  ihre Hetze gegen Israel und das Judentum auf prominenter Bühne präsentieren zu können.

Sicher, ein Fontcuberta ersetzt keinen Salmawy, aber die Botschaft ist erstaunlich identisch.

Heute auf dieses Bild aufmerksam gemacht, rief ich Frau Celina Lunsford an, ihres Zeichens Kuratorin des FFI, und bat um eine Stellungnahme. Frau Lunsford erklärte, eigentlich wolle sie am Telefon gar nichts sagen, das Bild sei aber keineswegs antisemitisch, sondern solle zur Diskussionen anregen und sie könne meine Empörung nicht verstehen. Auf den Skandal 2004 angesprochen, erklärte sie dann noch: „Das Fotografie Forum ist keine Institution, die den Holocaust leugnet“. Das ist irgendwie beruhigend, und zeigt zugleich. mit welch analytischer und inhaltlicher Schärfe man sich dort mit den auszustellenden Bildern auseinandersetzt. Vermutlich ist das FFI auch keine Institution, die sexuellen Missbrauch von Kindern befürwortet.

Nach einer weiteren Rückfrage erklärte Frau Lunsford zudem, sie stimme mir ja zu, der Holocaust sei in der Tat schlimm gewesen und habe stattgefunden, er sei aber Geschichte und „El Mur“ sei, sie betone das noch einmal, keineswegs antisemitisch.

Anders sah es das Kulturamt der Stadt Frankfurt, das in der Einladung zur Ausstellung immerhin als Kooperationspartner erwähnt wird. Dies sei, erklärte man mir dort, ein Missverständnis, man fördere das FFI nur allgemein, deshalb habe man das betreffende Bild vorher nicht gesehen und distanziere sich nun ausdrücklich von dem Werk. Man habe deshalb das FFI gebeten das Bild abzuhängen; dies wurde allerdings abgelehnt.

So hängt es nun  da, ca. 1,5 x 1 m groß, im „Alten Literaturhaus“ Frankfurt, zwischen einem Bild der Mona Lisa, das Fontcuberta aus Begriffen zusammengegoogelt hat, die mit Frankreich zu tun haben, und ähnlichen Banalitäten.

Wäre Fontcuberta nicht, wie sein restliches Werk zeigt, einfach nur ein linker antisemitischer Katalane mit notorisch gutem Gewissen, dann könnte man ihm durchaus vorschlagen, doch das nächste Mal, wenn er es schon mit Mauern hat, wenigstens die Dinger zu thematisieren, die seine Regierung in den Enklaven Ceuta und Melilla zur Abwehr von Flüchtlingen aus Afrika gebaut hat. Beim Versuch diese Grenze zu überwinden, wurden alleine im Jahre 2005, also lange bevor das Werk „El Mur“ entstanden ist, von Grenztruppen 13 Menschen erschossen. Selbst bei Kampagnen wie „Stop the Wall“ konnte ich dagegen keinen Beleg finden, dass aufgrund des Baus des Sperrzaunes bislang auf palästinensischer Seit auch nur das Leben eines Menschen zu beklagen wäre. Aber Fakten haben Antisemiten bekanntlichermaßen noch nie interessiert.

Oder umgekehrt: wie wohl hätten FFI und Buchmesse reagiert, hätte ein katalanischer Google-Künstler mit Bildern aus deutschen Konzentrationslagern einen von Suicide Bombern in Tel Aviv oder Jerusalem in die Luft gejagten vollbesetzten Bus dargestellt. Ich wette, Frau Lunsford wäre die erste gewesen, die „Rassismus“ geschrieen hätte, die Buchmesse hätte das Bild niemals für ihre Broschüre verwendet und Hinz und Kunz in Frankfurt wären vor Empörung auf die Barrikaden gegangen, wie man es wagen könnte, die armen Palästinenser so zu diffamieren. 

So aber werden sich in den nächsten Tagen und Wochen Hunderte das Bild anschauen und viele werden zustimmend nicken. Und die Buchmesse kann stolz sein: selbst wenn sie einen Schwerpunkt auf Katalonien legt, gelingt es ihr auch drei Jahre später noch Salmawys Botschaft weiter zu verbreiten.

PS: Wer „Israel & Wall“ googelt, findet  unter anderem auch dieses Bild. Ich konnte aber nicht herausfinden, ob es sich bei dem Graffitisprayer um Fontcuberta bei einem seiner Happenings handelt oder nicht.

6 Antworten zu “Katalanische Pixel-Stürmerei zur Buchmesse oder „Wir sind keine Institution, die den Holocaust leugnet“”

  1. heplev sagt:

    Der Link zum PS-Bild ergibt nur eine Fehlermeldung, dass man nicht die Berechtigung hat dort hinzugehen.

  2. Thomas von der Osten-Sacken sagt:

    Fehler ist behoben. Danke für den Hinweis.

  3. Werner sagt:

    Nur zur Information: Der spanische Grenzzaun wird in Spanien so gut wie nie genannt – wenn man von einer Mauer spricht dann nur von der “ Mauer “ zwischen Israel und der PAR – obwohl es sich ja auch hier zu 95% um einen Zaun handelt – und der „Bush Mauer “ zwischen Mexiko und den USA.
    Nur zur Klarstellung: Die 13 Emigranten die zusammen mit mehreren Dutzend Fluechtlingen versuchten in 2005 ueber den Grenzzaun nach Ceuta zu kommen wurden von marokkanischen Grenzsoldaten erschossen – nicht von spanischen.
    Und noch ein Kommentar: Die „national – sozialistische “ Autonomieregierung in Katalonien hat zur Buchmesse nur in katalanisch schreibende Schriftsteller eingeladen – keine spanischsprechenden und – schreibenden (die grosse Mehrheit ) – und der Vizeregierungschef Carod – Rovira (seine Minderheitspartei strebt die Unabhaengigkeit fuer Katalonien an ) erklaerte bei der Eroeffnung „in Deutschland wuerde man bei einer derartigen Veranstaltung ja auch keine tuerkischen Schriftsteller einladen, obwohl es viele Millionen Tuerken in Deutschland gibt“.
    Soviel zum demokratischen Selbstverstaendnis und Wirklichkeitsferne dieser Moechtegerntyrannen.
    Armes Katalonien – frueher einmal Spaniens fuehrende Region (laengst von Madrid ueberholt ) heute finsterste Provinz.

  4. Gudrun sagt:

    Der Zaun gegen Ceuta und Melilla wird von Spaniern (!) installiert und nicht von Katalanen, bitte! Wenn’s nach letzteren ginge, dürften die Nordafrikaner sicherlich alle nach Spanien übersiedeln.

    Denen, die spanisch lesen, empfehle ich auf google.es Joan Fontcuberta zu suchen. Es lohnt sich, man kriegt viel Spaß durch den fotógrafo illusionista: El engaño hecho arte

    http://tinyurl.com/yqx7xv

    So ist es jedenfalls bei Joan Fontcuberta.

  5. Tim sagt:

    Das Foto kann ich immer noch nicht angucken…

    Aber es gab mal eine Aktion vom englischen Streetartkünstler Banksy, der verschiedene Graffiti auf den Sicherheitszaun (in seinem Jargon eher Apartheidsmauer) gesprüht hat.
    Siehe z.B. hier:
    http://www.socialistworker.co.uk/art.php?id=7169

    Der Typ hat noch mehr fragwürdige „Kunst“ gemacht, einfach mal googlen.

  6. skh sagt:

    Na sowas, da existiert doch tatsächlich ein Bild Joan Fontcubertas, das aus Photos der gegoogelten Begriffe: „Neo-Nazi“ und „Scheiße“ zusammengesetzt ist.

    http://flickr.com/photo_zoom.gne?id=1529965355&size=l

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