Wahrheit macht auch Linke frei

09. Juli 2010, von Oliver M. Piecha

Es ist heiss. Manchen tut die Hitze nicht gut. Sie sollten wohl besser ins Schwimmbad gehen. Ja. wenn da nur nicht dieses kleine Land namens Israel wäre. Ach, es läßt ihnen keine Ruhe, und es wühlt und bohrt in ihnen, dieses Israel, zwickt sie von Innen, und sie gehen nicht ins Schwimbad. Sondern setzten sich an den Schreibtisch.

Nochmal zu A. Widmann in der Frankfurter Rundschau. Er bespricht also ein Buch von Moshe Zimmermann über den Israel-Palästinakonflikt. Die Besprechung fängt so an:

Im Jahr 2009 waren 75 Prozent der jüdischen Israelis rechts, davon mehr als 50 Prozent rechts von Mitte-Rechts. Eine düstere Lage für einen Linken wie Moshe Zimmermann, Professor für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Eine Situation, die einem Angst machen kann.

Angst könne sie einem halt machen, diese Israelis. Jetzt sind sie auch noch fast alle “rechts”, eigentlich schon fast Nazis. Die Besprechung endet so:

Ohne das Eingeständnis des Grundunrechts der Staatsgründung wird es keinen Frieden geben. Wie es auch keinen Frieden geben wird, ohne dieses Grundunrecht als schrecklichen fait accompli zu akzeptieren und das Existenzrechts des Staates Israel anzuerkennen.

Irgendwie schon schockierend. Oder? die FR war einmal eine antifaschistische, linksliberale Zeitung. Herjeh, das ist ja nicht die Nationalzeitung.

Wenn in Israel also alle “rechts” sind, dann sind die Leser von Herrn Widmann vermutlich “links” anzusiedeln. Zumindest die, die nach diesem Artikel nicht die Redaktion mit Protesten beehren, ihr Abo kündigen oder sonstwie ihrem Unverständnis und ihrer Empörung Ausdruck geben.

Aber wieso immer unterstellen, die Leute, die manisch vom Israel-Palästinakonflikt angezogen sind, meinten auch tatsächlich das, was sie hinschreiben?

Zumal wenn der Tag so heiss ist. Nun, es gibt zur Zeit rund 200 Gebilde auf dieser Welt, die “Staaten” darstellen. Sehen wir es also einmal ganz abstrakt, dann waren wohl diese 200 Staatsgründungen alle samt und sonders furchtbares Unrecht, denn sie haben sich in jedem einzelnen Fall immer gegen irgendwen gerichtet. Ob gegen andere Staaten, oder gegen Minderheiten, gegen innere Feinde, oder wen auch immer. Sogar manchmal gegen “Linke”! Soweit so banal. Aber nein, es ist allein Israel, dessen Gründung nicht nur Unrecht, sogar einen “schrecklichen fait accompli” darstellten soll. Und zähenknirschend muß man also dessen Existenzrecht akzeptieren, man ist ja schließlich auch kein Nazi, irgendetwas muß einen doch noch von der Nationalzeitung unterscheiden, wenn man für die FR schreibt. Denn die von der Nationalzeitung sind doch rechts, und man selbst, also bitte!, man ist links und kritisch und mutig, und daher muß man ja auch einmal die Wahrheit schreiben können.  Es zwickt ja so von Innen. Und es ist so heiss.

Antisemit ist man natürlich nicht, also Bitte! Das sind doch die Rechten! Also eigentlich die Israelis selbst sozusagen. Bloß dieses Unrecht der Juden… ja irgendwie… man wird doch noch mutig hinschreiben dürfen… genau! Vielmehr hinschreiben müssen!… denn ja, Wahrheit macht eben doch frei. Auch einen Linken.

Eine Antwort zu “Wahrheit macht auch Linke frei”

  1. Piet sagt:

    Auch wenn ich mir kaum einbilde, dass ausgerechnet meine Entscheidung substantiell etwas ändern würde, habe ich vor ein paar Jahren mein langjähriges FR-Abo gekündigt. Mit entsprechender Begründung, um sehr deutlich zu machen, dass es nicht die Format-Umstellung war, die mich zu diesem Schritt bewogen hatte. Weiterhin für die FR zu bezahlen wäre mir wie Verrat an meinen politischen Grundüberzeugungen vorgekommen, gerade als Linksliberaler.

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