Arm, islamisch, demokratisch …

27. Mai 2007, von Thomas von der Osten-Sacken

Seit nunmehr über einem Jahr rät mir, wenn wir uns im Irak treffen, Michael Rubin regelmäßig, ein wenig mehr über Mali zu lesen: dieses Land in Afrika, sowohl eines der ärmsten der Welt, als auch mehrheitlich von als Muslime klassifizierten Menschen bewohnt, räume ganz empirisch mit einigen der weit verbreiteten und zugleich so inhumanen Vorstellungen auf, die sowohl im NGO Bereich, als auch im „politischen Diskurs“ der EU inzwischen fast den Wert unhinterfragbarer Weisheiten haben.

Der erste „Glaubenssatz“ postmoderner Politikwissenschaft und Entwicklungstheorie, stamme sie nun von links oder rechts, lautet ja, Demokratie und Rule of Law seien nur in wohlhabenden Ländern implementierbar. Noch jeder Sozialdemokrat aus der Provinz weiß schließlich, dass erst das Fressen, dann die Moral komme. So überschlagen sich ganz antirassistische, sich um das Wohl der Dritten Welt besorgt gebende Menschen, in ihren Rechtfertigungen sog. Entwicklungsdiktaturen. Erst vor wenigen Tagen hatte ich etwa das zweifelhafte Vergnügen auf einer Konferenz an der Frankfurter Universität einem Vortrag von Prof. Dr. Harald Müller von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung lauschen zu dürfen.

Müller bezeichnete die auf Aufklärung und bürgerliche Revolution fußenden Ideen und Ideale von Individualismus, Demokratie, Emanzipation und Säkularismus als „westliche Kultur“, der eben andere Kulturen gegenüber stünden. Als recht positives Beispiel einer genuinen Entwicklung lobte er dann Saddam Husseins Irak, wo immerhin Ökonomie und Gesundheitswesen gut ausgebildet seien. Die Idee, Menschen in anderen Ländern könnte es um so westliche Vorstellungen wie Freiheit, Rechtssicherheit und der Möglichkeit gehen, sich einer Regierung in freier Wahl zu entledigen, schien in diesem Weltbild vor allem abwegig. Immer wieder wurde von Armen gesprochen, deren „Recht“ vor allem eines auf Entwicklung sei.

Ein Argument, dass ich schon so oft gehört habe und für eines der zynischsten aus dem Repertoire des europäischen Gutmenschentums halte. Damit nämlich reduziert man Menschen, die unter Armut leiden auf ihre existenziellen Bedürfnisse, erklärt sie sozusagen zu auf die Erfüllung primärer Bedürfnisse reduzierte kreatürliche Existenzen und spricht ihnen damit imlizit die Fähigkeit ab, als „zoon politikon“ sich für anderes als den Selbsterhalt zu interessieren. Aus meiner eigenen Erfahrung pflege ich dann zu antworten, dass es etwa den irakischen Kurden bei ihrem Aufstand gegen Saddam Hussein 1991 um Freiheit nicht Wohlstand ging. Sie lebten für Jahre unter einem Doppelembargo, nur weil sie sich weigerten zu Saddam, dem großen Wohltäter, nach Lesart der Müllers dieser Welt, zurück zu kehren.

Mali nun ist, wie Kay Zeric Smith schon im Jahre 2001 schrieb, ein klares Gegenbeispiel: “Although social science has established that there is a positive relationship between democracy and economic development, democracy can prosper in the absence of wealth.” Schließlich rangiere das Land unter den 10 ärmsten der Welt – ähnlich wie das benachbarte, von Freedomhouse ebenfalls als frei eingestufte Senegal – und sei doch „remained democratic since its first multiparty elections in 1992.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Robert Pringle im vergangenen Oktober: “Mali has achieved a record of democratization that is among the best in Africa.” 

Über diese Freiheit informiert Freedom House und man reibt sich die Augen, liest man Zeilen wie diese:

Freedom of assembly and association is guaranteed and respected. Many civic groups and nongovernmental organizations, including human rights groups, operate without interference. Workers are guaranteed the right to join unions, and nearly all salaried employees are unionized.”

Zu allem Überfluss ist Mali auch noch ein sog. „muslimisches Land“ mit säkularer Verfassung:
Mali’s population is predominantly Muslim, though the state is secular, and minority and religious rights are protected by law. Religious associations must register with the government, though this requirement is not burdensome or intrusive.”
Mali also ist eine existierende Demokratie, die sicher in vielem Defizite aufweist, aber real-existierend mit zwei Vorurteilen aufräumt: Dass Armut Demokratisierung ausschließe und Islam und Demokratie sich nicht vereinbaren lassen – Indonesien ist lauf Freedom House ein weiteres der wenigen Gegenbeispiel zu der letzteren Vorstellung.

Grund genug also Intellektuelle, Politiker, von mir aus auch Kleriker zum Dialog zu laden, scheinen sie doch Antworten auf die brennenden aktuellen Diskussionen geben zu können. Googelt man allerdings „Mali & Dialog“ oder ähnliche Kombinationen, dann findet man NICHTS. Kein einziger Teilnehmer aus Mali (oder Senegal) scheint je an einer der tausenden Islamdialogveranstaltungen teilgenommen zu haben, Gastbeiträge malischer Politikwissenschaftler in deutscher Sprache habe ich ebenfalls keine finden können. Lediglich die Frankfurter Rundschau und einige andere Publikationen haben über Mali einiges Positives veröffentlicht, wobei auch hier die Kultur erneut im Vordergrund zu stehen kommt. (Auch in Darstellungen verschiedener deutscher Organisationen, die in Mali aktiv sind, wird in ein Schwerpunkt auf die Armut des Landes, nicht die etwa die Demokratie gelegt.)

Wenigstens, so denkt man, fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Mali nach Kräften. Wenn die Palästinenser schon Hunderte Millionen Euros erhalten, dann verdient Mali das Zehnfache. Immerhin: Mali sei „Schwerpunktland“ der Zusammenarbeit lernt man auf den Seiten des Ministeriums. Unternimmt man allerdings die Mühe, sich durch die Seiten zu arbeiten, stellt man fest, dass offenbar laufend 14,3 Millionen für einen Zeitraum von zehn Jahren nach Mali gezahlt werden. Zahlen, die so für sich selbst sprechen, dass jeder Kommentar sich erübrigt.

Nun wird man zu Recht einwenden, dass in Mali die Situation von Frauen katastrophal sei, Genitalverstümmelungen ebenso weit verbreitet sind wie Ehrmorde. Nur: in Mali finden – wie in Senegal auch – vergleichsweise erfolgreiche Kampagnen, unterstützt von der Regierung, gegen diese Verbrechen statt. Und da Mali immerhin „nur“ auf Platz 99 von Transparency International rangiert (im Vergleich: Griechenland Platz 54, Russland 121) , also im Mittelfeld, ist sogar davon auszugehen, dass Hilfe auch ankommt und nicht in einer durch und durch korrupten Bürokratie versickert.

Wäre es nicht sinnvoll, deshalb eine Kampagne zu starten, die gezielt auf eine Aufwertung Malis zielt und etwa zu fordern, dass Steuergelder, die nur dazu dienen, die Palästinenser weiter in einem Zustand von Bettlern zu halten (von der allzubekannten indirekten Finanzierung des antisemitischen Terrors ganz zu schweigen), nach Mali umzuleiten, um ganz praktisch zu zeigen, dass a) Armut (die behebbar ist) und b) Islam sich mit Demokratie vereinbaren lassen und wir uns mit derartigen Bemühungen in jeder Hinsicht solidarisch zeigen?
 

6 Antworten zu “Arm, islamisch, demokratisch …”

  1. N. Neumann sagt:

    Mali kann als erfreuliches (Gegen)Beispiel gelten. Allerdings ist Mali zwar ein muslimisches, aber kein arabisches Land.

    Und auch die Kurden sind islamisch, aber nicht arabisch.

    Die mehrheitliche Reaktion von Arabern auf Unterdrückung durch eigene Herrscher artikuliert sich jedoch leider weit überwiegend mehr (Hardcore-Islamismus) oder weniger (“gemäßigte” Muslimbruderschaften) reaktionär – oder aber leider so, wie es Harald Müller für Entwicklungs- und Schwellenländer anscheinend generell postuliert: Die Leut’ schauen fast nur auf’s Brot.

    Eingedenk des Umstandes, dass der informationelle Wert der Ruppschen Lobgesänge auf Syrien gegen Null tendiert und sie ungefähr so ästhetisch sind wie ein Eimer Eiter und die Schwäche der liberalen Opposition gegen Assad gegenüber der islamistischen Opposition gegen Assad auch auf den gut funktionierenden staatlichen Unterdrückungsapparat zurückzuführen ist*, kann der syrische Präsident in der Tat als verhältnismäßig populär gelten.

    Warum? Er hat die syrische Wirtschaft ein wenig liberalisiert (was an der syrischen Cliquenwirtschaft zwar grundsätzlich nichts geändert hat, aber einigen ansonsten weniger privilegierten Schichten offenbar bescheidene Wohlstandsgewinne beschert hat) und regiert in Bezug auf die Masse der Bevölkerung wohl nicht ganz so diktatorisch wie sein Vater. Den Rest besorgen staatliche Hinweise auf die Anarchie im Irak – Jenseits des relativ prosperierenden, relativ pazifizierten, relativ rechtsstaatlichen und relativ demokratischen Kurdengebiets, versteht sich.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Die These, dass Islam und Demokratie (über das bloße Mehrheitsprinzip hinaus) nicht kompatibel sind, scheint mir deutlich weniger fragwürdig als die, dass Araber(tum) und Demokratie nicht kompatibel sind.

    Insofern wären die VAE oder Oman – trotz aller (noch?) vorhandenen starken Defizite im Bereich der Demokratie – zumindest bessere (Gegen)Beispiele für ein wenigstens relativ hohes Maß an Rechtsstaatlichkeit**, gelingender ökonomischer Entwicklung sowie – mit Abstrichen – good governance.

    Zusätzlich scheint es so zu sein, dass der Islamismus in diesen Ländern nicht sonderlich stärker (VAE) oder gar schwächer (Oman) ist, als im nicht-arabischen, aber weithin islamischen Indonesien, welches wiederum im Vergleich zu sämtlichen arabischen Ländern ungleich demokratischer ist.

    *Das Wurzelwerk des Liberalismus (im weiten Sinne) in der arabischen Welt ist bekanntermaßen ungleich weniger tief und fest als jenes des politischen Islam. So wurden und werden die wenigen Liberalen von der staatlichen Repression im Endeffekt mehr getroffen als die vielen Islamisten. Was meiner Ansicht nach allerdings eine gewisse Evidenz von kulturelle Erklärungsfaktoren für arabische Entwicklungsblockaden nach nicht völlig ausschließt.

    **Wobei, dies sei betont, die Rechte von Frauen in beiden Ländern wahrscheinlich weniger Geltung haben dürften als z.B. im ansonsten ziemlich fiesen Libyen. Andererseits sind in Libyen dementsprechend der Zugang zum Recht (für alle) und der Umgang mit Opposition jedweder Couleur weitaus defizitärer.

  2. N. Neumann sagt:

    Pardon, Korrektur:

    Die These, dass Islam und Demokratie (über das bloße Mehrheitsprinzip hinaus) nicht kompatibel sind, scheint mir deutlich weniger fragwürdiger als die, dass Araber(tum) und Demokratie nicht kompatibel sind.

  3. N. Neumann sagt:

    Korrektur der Korrektur (die Software akzeptiert den html-Befehl “durchgestrichen” nicht):

    Die These, dass Islam und Demokratie (über das bloße Mehrheitsprinzip hinaus) nicht kompatibel sind, scheint mir deutlich fragwürdiger als die, dass Araber(tum) und Demokratie nicht kompatibel sind.

  4. Marek Möhling sagt:

    http://mali.know-library.net ist ein wikipedia clone mit Werbung, warum verlinkt ihr nicht das Original?

  5. nichtidentisches sagt:

    Danke für den Artikel, hatte Mali auch oft als eines von den Ländern abgeschrieben, in denen Jugendliche in Koranschulen zur Zwangsarbeit für den Mullah gezwungen werden (Teure Hochzeitsspitze knüpfen, etc.) und Marabouts den Menschen das Geld mit Sandorakeln aus der Tasche ziehen.
    Werde mal genauer drauf schaun, hört sich vielversprechend an.

  6. Linke, Kulturrelativismus, Islam und die Milch « Clemens Heni sagt:

    […] [ii] »Der erste ›Glaubenssatz‹ postmoderner Politikwissenschaft und Entwicklungstheorie, stamme sie nun von links oder rechts, lautet ja, Demokratie und Rule of Law seien nur in wohlhabenden Ländern implementierbar. Noch jeder Sozialdemokrat aus der Provinz weiß schließlich, dass erst das Fressen, dann die Moral komme. So überschlagen sich ganz antirassistische, sich um das Wohl der Dritten Welt besorgt gebende Menschen, in ihren Rechtfertigungen sog. Entwicklungsdiktaturen. Erst vor wenigen Tagen hatte ich etwa das zweifelhafte Vergnügen auf einer Konferenz an der Frankfurter Universität einem Vortrag von Prof. Dr. Harald Müller von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung lauschen zu dürfen. Müller bezeichnete die auf Aufklärung und bürgerliche Revolution fußenden Ideen und Ideale von Individualismus, Demokratie, Emanzipation und Säkularismus als ›westliche Kultur‹, der eben andere Kulturen gegenüber stünden. Als recht positives Beispiel einer genuinen Entwicklung lobte er dann Saddam Husseins Irak, wo immerhin Ökonomie und Gesundheitswesen gut ausgebildet seien. Die Idee, Menschen in anderen Ländern könnte es um so westliche Vorstellungen wie Freiheit, Rechtssicherheit und der Möglichkeit gehen, sich einer Regierung in freier Wahl zu entledigen, schien in diesem Weltbild vor allem abwegig. Immer wieder wurde von Armen gesprochen, deren ›Recht‹ vor allem eines auf Entwicklung sei. Ein Argument, dass ich schon so oft gehört habe und für eines der zynischsten aus dem Repertoire des europäischen Gutmenschentums halte.« http://www.wadinet.de/blog/?p=270 […]

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