Ein Ende DIESER Zensur

19. Januar 2010, von Administrator

Von Günther Jacob

Spontane Notizen zur Veranstaltung mit Claude Lanzmann, Max Dax, Gremliza und Theweleit im ehemaligen Hamburger NS-Flak- und Luftschutzbunker („Uebel & Gefährlich“) am 18.01.2010 (19 bis 24 Uhr)

Ich habe es vorgezogen, die Live-Übertragung der Podiumsdiskussion ab 22:30 auf FSK zu hören. Erster Eindruck: sehr unangenehm. Es fehlte von Beginn an jede Empathie. Lanzmann, 84, kommt extra nach Hamburg, wo man seinen Film verhinderte. Und in einer Zeit, da er von deutschen Medien als Fälscher von historischen Tatsachen dargestellt wird. Schon die Begrüßung hätte (wenigstens durch eine Rede Gremlizas) mit einem offensiven Bekenntnis zu Israel und zu Lanzmann beginnen müssen. Es wurde aber die übliche fade Podiumsdiskussionssachlichkeit.

Es hätte zu Beginn eine Zusammenfassung zur Lage geben müssen, zum Anlass des Abends, dazu, dass dies kein Abend von und für Cineasten ist, sondern eine politische Solidaritätsveranstaltung, ein Aufruf zur Mobilisierung gegen den heutigen Antisemitismus und auch gegen die aktuellen Verleumdungen. Nicht davon gab es. Niemand wollte es.
Lanzmann hat sich über den riesigen Bunker als Veranstaltungsort (der Hamburger Poplinken) verhalten gewundert. Niemand sagte etwas dazu. Die Mitdiskutanten waren hörbar befangen, sprachen verlangsamt mit Kloß im Hals. Jetzt nur nichts falsch machen! Alle wirkten, als seien sie völlig unvorbereitet zu diesem Abend gegangen. Theweleit hatte, wie er sagte, einen trockenen Mund beim Sprechen. Er schob das auf das Saunaklima der stickigen Bunkerhalle. Gremliza, der ganz unbefangen ist, wenn er z.B. FAZ-Dath interviewt, sagte, er möge solche Veranstaltungen nicht, er könne halt besser schreiben als sprechen  und habe mit seiner Anwesenheit schon ein ausreichendes Statement abgegeben. Eine unglaubliche Unhöflichkeit gegenüber Lanzmann, der wohl nicht wusste, dass diese Einladung nicht von denen kam, die gegen die B5 demonstriert hatten. Es war sofort klar, dass man auf dem Podium diesen Film nicht verstehen und nicht billigen wollte.
Gegen Lanzmanns Aura wurde angestottert. Gegen seine zionistische Position, die er durch Schilderung seiner Gespräche mit Sartre erläuterte – die Juden sind NICHT das Produkt der Antisemiten, sie sind ein VOLK – wollte man nichts gesagt haben, aber man spürte es noch über den Äther, dass alle am liebsten laut dazwischen gerufen hätten: das „jüdische Volk“ ist doch eine Konstruktion! Ist es ja auch, aber – anders als bei den „Wir sind ein Volk“-Deutschen – eine Konstruktion, die einen Grund hat, über den man auf dem Podium nicht sprechen wollte und für den die Anwesenden offensichtlich keine Worte und keine Empathie hatten.
Die ganze Veranstaltung war ein politisches Desaster, und sie war eine unverschämte Zumutung gegenüber Lanzmann, der dann auch nach einer Stunde vorschlug, sie abzubrechen. Er hatte genug. Er hat sofort erkannt, was hier vorging. Zum endgültigen Kippen brachte sie ausgerechnet Hermann Gremliza mit der unglaublichen dummen und reaktionären Frage an Lanzmann, warum in dem Film keine Palästinenser vorkommen. Das war ein politischer Affront gegen Lanzmann und nicht zuletzt auch eine Frechheit gegenüber dem Gast aus Paris. Warum hatte man ihn denn eingeladen, wenn man ihm solche Fragen stellen wollte? Lanzmann konnte zeigen, dass die Palästinenser in dem Film ständig anwesend sind, dass darin ständig darüber gesprochen wird. Und dass es in einer Welt, wo alle über die Palästinenser reden, nicht seine Aufgabe sein kann, beide Seiten „ausgewogen“ darzustellen.
Gremlizas einzige Frage war an sein Lesepublikum adressiert. Es war ihm ganz offensichtlich sehr wichtig, ausgerechnet diese Frage an diesem Abend los zu werden. Gremliza sagt dann noch, dass es mehr Antisemiten in der BRD gibt als die B5-Leute, die er als dumme Jungs darstellte und nicht als Ausdruck einer breiten Übereinstimmung in einem nicht kleinen Milieu.
Theweleit, der bereits 2001 über den Symbolwert der Twin Towers als „Doppelphallus“ schwadronierte, wurde seiner Rolle gerecht und machte aus der Veranstaltung eine über Filmästhetik, Interviewtechniken und die Rolle des Zeitlosen im Film. Spexler Max Dax hatte ihm diesen Ball zugespielt und verplappert sich dann selbst mit der Behauptung, es gäbe den Filmtitel auch mit Fragezeichen. Theweleit kam schnell zum Vergleich der Lager Sabra und Schatila im Libanon mit dem Warschauer Ghetto. Er verglich nicht selbst, sondern lobte, dass im heutigen Israel selbst solche schwierigen Themen diskutiert werden könnten. Von dort schaffte er den Übergang zum Afghanistankrieg und zum linken Antimilitarismus. Die B5 Leute waren auch für ihn eine kleine Minderheit, die mit der Linken nichts zu tun habe.
Lanzmann, der zwar nicht alle Zwischentöne und Codes verstehen konnte, merkte jedoch, auf was der Abend hinauslief und sagte, er sei von dem ganzen Thema „Israel und die Palästinenser“ genervt. Der Anlass des Abends wurde am Schluss noch einmal kurz erwähnt, aber hörbar als Pflichtübung und ohne Bezug zur heutigen Situation von Israel und den neuen Angriffen auf Lanzmann. Popfritze Max Dax bedankte sich am Schluss fürs Kommen – nicht bei Lanzmann, sondern beim Publikum!
Das ungehobelte Benehmen gegenüber dem Gast war sicher nicht die Folge einer schlechten Erziehung, sondern der Anspannung, die entstanden war, weil man seine wirkliche Meinung nicht frei sagen konnte.

Man war froh, dass es vorbei war mit DIESER Zensur.

4 Antworten zu “Ein Ende DIESER Zensur”

  1. Twitter Trackbacks for WADIblog» Blogarchiv » Ein Ende DIESER Zensur [wadinet.de] on Topsy.com sagt:

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  2. Warum Gremliza? « USELESS sagt:

    […] Spiegel.de: „Alles so schön anormal hier“ – von Sebastian Hammelehle WADIblog: „Ein Ende DIESER Zensur“ – von Günther […]

  3. Hermann the real german? « Ideologiekritik sagt:

    […] waren, nicht geträumt hätte. Ein erster Bericht über die Veranstaltung stammt nämlich von wadinet. Dort berichtet Günther Jacob, dass Gremliza Lanzmann allen ernstens fragte, wo denn die […]

  4. ich sagt:

    i deiner argumentation und ablehnung aller, die nicht genau deiner meinung sind, qualifizierst du dich glatt als teutschester der teutschen recken.

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