Revolutionen und Armut

03. Mai 2007, von Thomas von der Osten-Sacken

In der “Jungle World” hat Thomas Schmidinger von Wadi Austria eine längere Reportage über eine kürzlich unternommene Iran Reise verfasst.

Die Reportage endet suggestiv. Beim Grillen mit einem Ali erklärt dieser den Österreichern: »Die Revolution ist 1979 von den Armen getragen worden. (…) Auch jetzt wird eine wirkliche politische Veränderung nicht von den Oberschichten kommen, sondern von jenen, denen es immer noch schlecht geht

Ali hat so fürchterlich Unrecht und sitzt doch einem der ganz großen Mythen des 20. Jahrhunderts auf. Arme machen keine Revolutionen, Arme machen bestenfalls Hungerrevolten. Selbt wer die Ereignisse 1979 im Iran als Revolution bezeichnen will, wir kaum umhin kommen, den Verfall des Ancien Regime und die geschickte Propaganda der Kleriker um Khomenei als ebenso wichtiges Element der “Revolution” zu sehen, wie die unselige Unterstützung die die Ayatollahs durch die Linke, die im Nahen Osten meist der Mittelschicht entstammt. Die “Armen” waren in allen Revolutionen bestenfalls Beiwerk, weder Sansculotten noch Mitglieder der amerikanischen “Town Halls” noch Castros Mannen entstammten der mysteriösen Gruppe der Armen.

Der Topos “Arme versus Reiche”, beliebt vor allem in antiimperialistischen Manifesten jedweder Couleur, hat mit den historischen Revolutionen nichts zu tun. Schlägt die Revolution, der es anfangs um Freiheit und Bildung neuer Institutionen geht, in die sog. “soziale Frage” um, ist sie vorbei, bzw. transformiert in Terreur: “Wo immer die Lebensnotwendigkeiten sich in ihrer elementar zwingenden Gewalt zur Geltung bringen, ist es um die Freiheit einer von Menschen erstellten Welt vorbei”, schreibt deshalb Hannah Arendt in ihrem wunderbaren Buch “Über die Revolution“.

Die Armen, denen es um Brot, Arbeit und Strom geht, sind keine revolutionären Elemente. Sie sind bedauernswert und werden zum Kanonenfutter des Terrors, der so vielen Revolutionen folgte. Sie dürfen bestenfalls auf den Schlachtfeldern verbluten und als “Masse” bzw. “Volk” den neuen Funktionären der Revolution akklamieren. Im Nahen Osten geht es wahrhaft nicht darum, die Armen revolutionär zu mobilisieren, es geht um gesellschaftliche Transformation  und die Herausbildung von Institutionen, die es unter anderem ermöglichen sollen, dass Armut sich nicht in Bezug auf den Staat als Wohlfahrtsinstitution definiert. 

Deshalb sei hier Hannah Arendt stark gemacht, die die Idee der Freiheit zur zentralen Idee aller Revolutionen erklärt und nicht die “soziale Frage”, die betritt sie die Bühne der Revolution dieser früher oder später den Gar aus macht.  Sollte die politische Veränderung im Iran wirklich von jenen getragen werden, denen es “immer noch schlecht” geht und nicht vornehmlich von jenen neuen urbanen Mittelschichten, Jugendlichen und Frauen, denen es um politische Freiheiten und Individualität geht, gäbe es deshalb für den Iran wenig Hoffnung.

 

3 Antworten zu “Revolutionen und Armut”

  1. fuereinendedeskaptalismus sagt:

    Als deutscher Aristokrat und Herrenreiter wie der Baron ist es nur folgerichtig die Armen und Unterklassen zu verachten. Sie riechen ja nicht gut. Wüsste gerne wie Osten-Sackens Vorfahren so ihr Geld verdient haben.

  2. Barbara Eshaem sagt:

    George Orwell begründet die Tatsache, daß nur “gentlemen” zu Revolutionären taugen, z.B. damit, daß ein “gentleman” erwartet, seine Stütze zugesandt zu bekommen, während der reguläre Arme sich widerspruchslos zum Schlangesteher machen läßt.
    Die zu findenden Beispiele sind sicherlich überall andere, aber das Prinzip stimmt mit meinen eigenen Beobachtungen überein.

  3. phi1 sagt:

    Arm sein zu können heißt frei sein zu können. Frei von gesellschaftlichen Zwängen. Wir haben hier einen Wohlstandszwang.

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