…not even in Tel Aviv

03. August 2009, von Arvid Vormann

Am Abend des 1. August 2009 bricht für Bak Shalom, die israelsolidarische Plattform innnerhalb der Linken, eine Illusion zusammen: Tel Aviv, „bekannt für ihre Toleranz, Weltoffenheit und ihre Gay-Community“ ist irgendwie auch nicht besser als Damaskus, Mekka und Medina, dämmert es dem Autor, nachdem er von einem blutigen Überfall auf eine Schwulenbar in Tel Aviv gelesen hat. „Homosexuality is not a crime – not even in Tel Aviv!“, ruft er da empört. Aber ja, nicht mal die Juden haben das Recht, Homosexualität als Verbrechen zu brandmarken! Selbstverständlich denkt der Autor an die vielen Homosexuellen, die in Tel Aviv öffentlich an Baukränen aufgehängt werden. Aber bringt er da nicht was durcheinander?

Der ganze Beitrag ist dümmliches und selbstgerechtes Geschwätz sondergleichen. Dass der Autor nicht einmal bis drei zählen kann, möchte er uns auch nicht vorenthalten:

„Es ist positiv festzustellen, dass der Anschlag fraktionsübergreifend und vom Großteil der Bevölkerung verachtet wird. Dennoch sind die Folgen für die Szene nicht absehbar. Wird sich die Community erholen können? Und wenn ja, wie schnell? Dafür sind vor allem zwei Faktoren abhängig:

1.Kann der Täter gefasst werden und wird er für sein Handeln gerecht bestraft?
2.Wie stark fällt die Solidarität mit der Community aus?
3.Welche Konsequenzen fällt die Politik? Wie schnell werden andere Themen die Diskussion verdrängen?“

Ja, linke deutsche Israelsolidarität geht so: „Israel zählt zu den fortschrittlichsten und modernsten Ländern des Nahen Ostens. Aber dies kann nicht darüber hinwegtäuschen….“ usw usf

Israel, so diagnostiziert der Linke mit Expertenmiene, habe „ein Problem mit seiner (ultra)orthodoxen Minderheit“. Nun, das ist gewiss ein Unterschied: Deutschland hat ein Problem mit seiner (post)faschistischen Mehrheit. Wer ist besser dran? Man weiss es nicht.

Bak Shaloms Stellungnahme ist nicht nur dümmlich und selbstgerecht, sie ist auch ausgesprochen infam: „Wir wünschen uns daher, dass es zukünftig noch stärkere Bemühungen in Israel geben wird, die die Trennung von Religion und Staat vorantreiben.“ Also recht verstanden: Man bemüht sich in Israel nun schon nach Kräften, die Trennung von Religion und Staat voranzutreiben (sonst könnten unsere feinen deutschen Genossen ihren Prozionismus ja auf keinen Fall mehr aufrechterhalten), der Autor empfiehlt jedoch die Verdopplung der jüdischen Anstrengungen.

Bak Shalom reiht sich da ein in deutsche Politikberatung, die schon immer viel besser wusste, wie der jüdische Staat zu sein und zu handeln habe. Denn: Einem Freund, einem wirklich guten Freund, wird man auch einmal die Meinung sagen dürfen, ohne dass diese wunderbare Freundschaft daran zerbricht, so spricht es auch aus des Autors israelsolidarischer Seele.

Wie der sich auf die Brust schlägt ob seiner und ihrer Heldentaten! Seine Truppe habe an der Gay-Parade in Tel Aviv und Jerusalem teilgenommen (Großer Leninorden) und er selbst arbeite in einem israelischen Frauenhaus als Freiwilliger (Held der Arbeit). Auch Partyprojekte wie „Berlin Meshugge“ unterstützen sie, man glaubt es kaum. Das Motto wurde Programm. Statt gegen den organisierten Schwulenmord des iranischen Regimes (im Iran und indirekt auch im Irak) zu protestieren, statt homophobe Zwangsmaßnahmen und Gewalt gegen Schwule im gesamten Nahen Osten anzuprangern, ruft man nun wohlfeil zu einer Demonstration „Gegen Homophobie – Solidarität mit den Opfern des Anschlags in Tel Aviv“ auf.

8 Antworten zu “…not even in Tel Aviv”

  1. » “…not even in tel aviv?” | kotzboy.com sagt:

    […] eher heißen “erst recht nicht in tel aviv” oder so? zurecht hat sich arvid vormann im wadiblog nicht nur über die überschrift, sondern so manches anderes gesülze in der linkspartei-nahen […]

  2. Thomas von der Osten-Sacken sagt:

    Von besonderer Perfidie auch das Kondolenzschreiben des Bodo Ramelow, das auf der Seite von BAK Shalom verlinkt wird: http://bak-shalom.de/wp-content/2009/08/kondolenzschreibenagudahmikehamel090803.pdf

    Ramelow fordert unter anderem eine „atomwaffenfreie Zone“ Nahost mit folgender Argumentation:

    Die Feigheit vor den USA, eine klare positive Haltung zu einer atomwaffenfreien Zone einzunehmen und damit dem Atomwaffensperrvertrag ein bisschen mehr Glaubwürdigkeit durch den Westen zu Teil werden zu lassen. Und Doppelzüngigkeit, da dem Iran durch den Westen geschlossen nukleare Ambitionen unterstellt werden, die faktisch nicht bewiesen sind, sondern sich nur auf der Ebene der Spekulation bewegen.

    Und auf der anderen Seite werden die möglichen nuklearen Ambitionen bzw. Fähigkeiten Israels toleriert. Mit dieser doppelzüngigen Politik ist keine Friedenspolitik zu machen.

    http://www.abgeordnetenwatch.de/bodo_ramelow-650-5733–f76788.html

    2006 gehörte Ramelow zu den Unterzeichnern einer Petition, die von Kanzler Schröder mehr Einsatz gegen die USA und für Frieden mit dem Iran forderte. Den Bau der Atombombe nehmen die Unterzeichner in Kauf.

    Die USA scheinen entschlossen, gegen den Iran einen Luftkrieg zu führen. Diesmal könnte es Washington gelingen, die EU vor ihren Kriegskarren zu spannen, wenn sich nicht die Bürgerinnen und Bürger dagegen zur Wehr setzen. Wir lehnen mit aller Entschiedenheit einen neuen Krieg ab. Selbst wenn Teheran Atomwaffen anstrebte, die wir ebenso ablehnen, könnte der Iran auf absehbare Zeit niemanden mit Atomwaffen bedrohen, ungeachtet aller verbaler Attacken des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, die wir scharf verurteilen. Eine friedliche politische Lösung ist also durchaus möglich.

    http://www.arbeiterfotografie.de/iran/index-iran-0006.html

    Richtig, der Aufruf ist bei Arbeiterfotografie erschienen, jener Truppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, nachzuweisen, dass Ahmedinejad eigentlich immer nur ganz tolle Sachen sagt.

    Seltsam, auf wen der BAK Shalom sich da so beruft…

  3. Parsa Kakashanian sagt:

    „2006 gehörte Ramelow zu den Unterzeichnern einer Petition, die von Kanzler Schröder mehr Einsatz gegen die USA und für Frieden mit dem Iran forderte.“

    Da wird sich Gasprom-Privatier Schröder ja gefreut haben, dass ihn Ramelow 2006 noch für den großen Zampano hielt ;-)

    Ansonsten: Pro-Israel basht Pro-Israel. Nix Solidarität mit den antideutschen Kollegen? Sind wir schon so rechtsliberalisiert?

    Die Überschrift ist falsch, das sollten die BAKer merken. Aber ansonsten fokussiert sich sich dieser AK ja auf Israel. Der Vorwurf, sie würden Homophobie in Damaskus nicht verurteilen, läuft also ins leere. Das Cuba-Solidaritätskommittee äußerst sich auch nicht zur Diskriminierung von Braunbären in Norwegen.

    Und hey! Ist es schon wieder antisemitisch oder dumm, wenn man sich mit Opfern homophober Gewalt in Israel solidarisiert? Ist doch völlig egal, ob’s nun ein Araber oder ein orthodoxer Jude war, der geschossen hat (wir wissen es – noch – nicht). Die Tat ist verurteilenswert. Eine Israelinitiative der Linkspartei wird da nicht schweigen dürfen.

  4. Lysis sagt:

    Aufschlag in der Wüste des Realen…

    Der homophobe Anschlag auf einen LGBTQ1-Jugendtreff in Tel Aviv, der zwei Menschen das Leben kostete, bringt auch die beiden regressiven Polen der deutschen Linken: Antiimps und „Anti-D“s, wieder zum Tanzen – jedenfalls wenn man die …

  5. Benjamin sagt:

    Ich finde der Artikel (siehe Link) bringt die Problematik des Artikels von Arvid Vormann auf den Punkt da er sich auch mit der Kritik auseinandersetzt, dass eine Demo für die israelische Gay-Community Antizionismus erzeugen würde, weil auch Strömungen wie der BAK Shalom einen Grund haben Israel zu kritisieren. Das ist natürlich völlig absurd, darum geht es uns keineswegs im vom Vormann kritisierten Artikel und das ist auch klar erkennbar.

    http://useless.blogsport.de/2009/08/04/fight-homophobia-eine-spontane-demonstration-in-rostock/

  6. Udo sagt:

    Schon traurig, wenn man sich vor einem Osten-Sacken rechrtfertigen muss. Aber der Krüger und seine Krieger haben’s ja so gewollt. Nicht sozial, sondern national ist das Mass aller Dinge für die Knaller.

  7. Arvid Vormann sagt:

    Benjamin, entschuldige mal, wo bitte habe ich geschrieben, „dass eine Demo für die israelische Gay-Community Antizionismus erzeugen würde“? So ein Blödsinn würde mir nicht im Traum einfallen.

    Ich glaube, wir sind uns doch einig, dass dieses mutmaßlich homophobe Verbrechen überall hätte stattfinden können, d.h. überall dort, wo überhaupt Gay Clubs betrieben werden dürfen – was den Kreis erheblich schmälert. Nehmen wir an, es wäre in Großbritannien passiert. Hätte der Bak Shalom dann eine Veranlassung gesehen, Großbritannien zu kritisieren? Gewiss, Missstände soll man kritisieren, aber das Land in Bausch und Bogen, seine Idee und Verfasstheit? Du sagst es hier noch mal explizit: Auch BAK Shalom möchte mal ISRAEL kritisieren.

    Und genau in diesem Duktus ist der von mir beanstandete Text gehalten. Welches Israelbild regiert da, wenn jemand schreibt: „Kann der Täter gefasst werden und wird er für sein Handeln gerecht bestraft?“ Und hat da evtl. jemand ein Problem mit Israel als jüdischem Staat, wenn er, geistreich sinnierend, fragt: „Wie viel Religion darf die Politik bestimmen?“ Welches Fass wird da anlässlich eines ohne Frage schrecklichen Verbrechens aufgemacht?

  8. Serdar sagt:

    @Vormann
    Was ist denn daran so schlimm, wenn man die Rahmenbedingungen kritisiert, die vielleicht zu diesem Mord geführt haben?

    Tja warum würde wohl BAK Shalom einen Mord in GB nicht so kritisieren?
    Vielleicht weil sich BAK Shalom „BAK Shalom“ nennt? Die Zielsetzung dieser Gruppe ist ja schon eingegrenzt, darüber habe ich von ihnen bis jetzt noch keine Kritik gehört. Das wäre aber konsequent.

Hinterlasse eine Antwort