„Wir sind nicht nur Opfer …“

15. März 2016, von Administrator

Anlässlich des fünften Jahrestages des Ausbruchs der Massenproteste gegen das Assad-Regime in Syrien schreibt Adopt a Revolution:

 Fünf Jahre nach den ersten Demonstrationen in Syrien denkt die Aktivistin Ameenah Sawwan an die Anfänge der Revolution zurück. Angesichts der zahlreichen Demonstrationen und Proteste in den letzten Wochen sieht sie im ganzen Land die Zivilgesellschaft wieder erstarken.

Auf den ersten Blick schien es vor fünf Jahren, als würden wir ganz normale Leben führen. Wer damals in Syrien lebte, ohne groß nachzudenken, war in Sicherheit. Doch schon auf den zweiten Blick stimmte das nicht. Denn wer seine Meinung frei heraus äußerte, dem drohte Verfolgung und ein Leben in Dunkelheit, eine Dunkelheit in Folterkellern, die manchmal bis zu zehn Stockwerke tief in den Untergrund reichen.

Vierzig lange Jahre unterlag alles der Kontrolle einer einzigen Familie. Wir hatten Assad, den Vater, und Assad, den Sohn. In der Zeit ihrer Herrschaft wuchs die Unterdrückung, bis sie schließlich so massiv war, dass alle außerhalb des Landes dachten, die SyrerInnen würden sich niemals trauen, Veränderungen zu fordern. Bis zum 11. Februar 2011. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Tag, an dem in Ägypten das Regime Mubaraks stürzte.

Meine Mutter verhängte an diesem Tag die Fenster unseres Hauses. Sie war eine ängstliche Frau, wie die meisten Eltern, die ihre Kinder im Syrien der Assad-Diktatur großzogen. Sie hatte uns immer eingebläut, dass wir mit keinem Wort außerhalb des Hauses über Politik sprechen dürften. Doch als sie die Vorhänge zugezogen hatte, begann sie voll Freude zu singen und zu tanzen, sie feierte in ihrem eigenen Haus, als würde sie zum ersten Mal ein Gefühl der Freiheit erfahren.

Viele dachten damals, die syrische Revolution würde eine Kopie der anderen Revolutionen in der arabischen Welt. Aber das stimmt nicht: Denn der Aufstand in Syrien brauchte noch einen konkreten Auslöser, damit die Bevölkerung bereit war, Veränderungen einzufordern. Zwar hatten die Menschen genug von der jahrzehntelangen Ungerechtigkeit, aber erst musste das Regime noch einen Fehler machen, damit die Revolution ausbrach.

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