„Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“ – Eine Bitte um Unterstützung

03. März 2016, von Administrator

Liebe Freundinnen und Unterstützer von Wadi,

der Krieg in Syrien geht weiter und ist in den vergangenen Wochen sogar noch eskaliert. Daran werden halbherzige Feuerpausen nichts ändern, wenn gleichzeitig die Ursache bestehen bleibt und sogar gestärkt wird. Der syrische Diktator Bashar al-Assad sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr und alle tun so, als ließe sich mit ihm und seinen Verbündeten ernsthaft Frieden schaffen.

Derweil verschlechtern sich im Irak und in Irakisch-Kurdistan fast täglich die Lebensbedingungen. Der niedrige Ölpreis ist die Hauptursache für eine schwere ökonomische Krise, die inzwischen alle Teile der Gesellschaft erreicht hat. So wurden seit nunmehr sieben Monaten keine Gehälter im öffentlichen Dienst gezahlt.

Angesichts des Wahnsinns in der Region zweifeln wir bei WADI oft am Sinn unserer Arbeit, ja kämpfen, dass nicht Verzweiflung sich ausbreitet. Seit Anfang der damals noch ganz friedlichen Proteste in Syrien, haben wir vor den Folgen einer Politik des Wegschauens gewarnt und in etlichen Beiträgen beschrieben, was in Syrien angesichts der geopolitischen Gemengelage droht. Schon im Februar 2012 unterstützte WADI deshalb eine internationale Petition, die eine Flugsverbotszone für Nordsyrien forderte. Nichts dergleichen geschah. Wenn heute, vier Jahre, 500 000 Tote und 14 Millionen Flüchtlinge später, plötzlich in unzähligen Kommentaren die damaligen Versäumnise westlicher Politik beklagt werden, hilft das allerdings auch nicht weiter.

Das Team vom Flüchtlingsradio in Halabja

Seit 25 Jahren arbeiten wir in der Region für die Verbesserung der Lage von Frauen und Kindern. Wir haben geholfen, demokratische Strukturen aufzubauen und rechtsstaatliche Prinzipien zu festigen.Aber mit der Eskalation des Krieges scheinen unsere Projekte im Irak und Syrien immer mehr wie ein hoffnungsloser Kampf gegen Windmühlen. Katastrophe reiht sich an Katastrophe und auch wir sehen uns mit immer neuen Flüchtlingen und damit Herausforderungen konfrontiert. Langfristige Projekte leiden, weil wir aufgrund der Not zunehmend kurzfristig intervenieren müssen.

Und dann werden uns auch noch staatliche Gelder für Projekte gestrichen, die auf Jahre angelegt sind. Darüber und über eine Petition der Jesidinnen an die Bunderegierung berichtet die BILD. So ist Entwicklung nicht möglich. Aus Erfahrung wissen wir: Nur wer einen langen Atem hat, kann die so notwendigen Veränderungen in der Region voranbringen. Nicht nur uns geht es so: im Irak, wie auch in der Türkei, im Libanon und Jordanien werden solche Projekte kaum noch unterstützt. Selbst für die akute Flüchtlingshilfe fehlt Geld. Werden die Zusagen der letzten Geberkonferenz von 5,5 Milliarden eingehalten, dann stehen pro Flüchtling rund 1200 Euro zur Verfügung, wohlgemerkt im Jahr! Das reicht kaum fürs Nötigste.

Schülerinnen und Schüler in der Afrin-Schule

Die Menschen wollen nach vier Jahren Krieg jedoch mehr als ein Stück Brot. Sie brauchen eine Perspektive. Keine NATO-Schiffe und Grenzzäune werden sie davon abhalten, es nicht zumindest zu versuchen, sich diese zu schaffen. Der Opfer der europäischen Grenzpolitik gedachten wir Ende Januar in einer Aktion in Suleymania.Doch Grenzsicherung ist die einzige Politik, auf die man sich in der EU problemlos einigen konnte. Damit kann heute ein Totalversagen der europäischen Politik konstatiert werden.

Wir machen trotzdem weiter. Dabei gilt uns ein Aphorismus aus Adornos Minima Moralia als Leitsatz: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

Gerade jetzt brauchen die Menschen unsere Solidarität und Unterstützung für ihre eigenen Ideen. Angesichts von Krieg und Leid erklärt zwar so mancher Kommentator den arabischen Frühling für tot. Doch nichts könnte falscher sein. Nach wie vor ist bei vielen Menschen der Wille, sich für eine bessere und freiere Zukunft in ihrer Region einzusetzen, ungebremst.

Das erleben wir täglich in unserer Arbeit, so zum Beispiel beim Flüchtlingsradio in Halabja. Über die Aktion junger Flüchtlingsfrauen in diesem Projekt zum Valentinstag berichtete die BILD. Ein Film von MSNBC zeigt, wie ehemalige und heutige Flüchtlinge im Frauenzentrum in Halabja gemeinsam für eine bessere Zukunft eintreten. Fusion.net berichtet, wie unserer Frauenteams sich für jesidische Mädchen einsetzen, die vor dem IS fliehen mussten. Gemeinsam mit der irakischen Sikh Gemeinde unterstützen wir zudem 100 jesidische Familien. Derzeit machen wir mit Unterstützung der Unesco Schulen und Lehrer fit, damit 8350 Schülerinnen und Schüler, die aus ihrer Heimat geflohen sind, endlich wieder zur Schule gehen können. Wie auch in der von uns betreuten Afrin Schule sind bei diesem Bildungsprojekt die Lehrer selber Flüchtlinge.

Test

Gedenkveranstalung für die Ertrunkenen

Da aber inzwischen viele Menschen, mit denen wir zusammen für Demokratisierung und Menschenrechte eingetreten sind, ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, arbeiten wir nun auch in Deutschland: Gemeinsam mit syrischen und irakischen Demokratieaktivisten wollen wir die Selbstorganisation von Flüchtlingen in Deutschland unterstützen. Dazu startet ein Pilotprojekt unter dem Titel „Demokratie leben – Vom Flüchtling zum Bürger / zur Bürgerin, oder wie geht Demokratie“ in Celle dieses Frühjahr.Weil wir selber seit vielen Jahren gerne und erfolgreich mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenarbeiten, wollen wir hier in Deutschland vermitteln, wie das geht und bieten deshalb Workshops für Integrationslotsen und Flüchtlingshelfer an. Darüber berichteten die Cellesche Zeitung und die Allgemeine Zeitung.

Wir bleiben dabei: Langfristige Verbesserung der Verhältnisse erfordern Ausdauer und gute Kenntnisse der Situation vor Ort. WADI arbeitet seit 1992 in Irakisch-Kurdistan und anderen Ländern im Nahen Osten gemeinsam mit Partnern, die sich eigenverantwortlich für ihre Rechte und eine bessere Zukunft einsetzen.

Bitte helfen Sie uns dabei. Denn dringender denn je sind wir auf die solidarische Unterstützung von Privatspenden angewiesen, um so viele dieser Projekte wie möglich fortführen zu können.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Hannah Wettig

Projekt Koordinatorin
„Vom Flüchtling zum Bürger“

Spendenkonto WADI e.V.
Kontonummer: 612 305 602
Bank: Postbank Frankfurt
BLZ: 500 100 60
IBAN: DE43500100600612305602
BIC: PBNKDEFF

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