Nahost-Grütze

28. Dezember 2008, von Thomas von der Osten-Sacken

Die enthirnte Grütze, die deutsche Provinzzeitungen regelhaft produzieren, wenn es darum geht, Nahostkonflikte zu kommentieren, ist wahrhaft ungenießbar.

Hier einige Beispiele aus dem Presseportal, die alle für sich sprechen und des Kommentares deshalb nicht bedürfen:

Kölnische Rundschau:

Ein Gewinn an Sicherheit ließe sich nur durch mühsame Verhandlungen erreichen, etwa mit Syrien, aber auch mit Ägypten, über dessen Gebiet der Waffenschmuggel läuft. Vor allem aber müssten die Palästinenser im Gazastreifen eine erträgliche Lebensperspektive erhalten. Bomben und Panzer dagegen treiben sie nur den Islamisten in die Arme.

Neue Westfälische:

Dass auf beiden Seiten nicht die Vernunft, sondern der Wahn regiert, hat sich am Wochenende gezeigt. Seit Jahrzehnten sind im israelisch-palästinensischen Konflikt nicht mehr so viele Menschen an einem einzigen Tag zu Tode gekommen wie an diesem Samstag. Richtig ist es, nun einen Waffenstillstand zu fordern. Aber nichts und niemand kann Israelis und Palästinensern Frieden bringen, wenn nicht auf beiden Seiten die Einsicht reift, dass man miteinander leben muss und mit der historisch gewachsenen Lage; dass man schmerzliche Kompromisse schließen und das wechselseitig erlittene Unrecht hinter sich lassen muss.

Leipziger Volkszeitung:

Hass, Rache und Vergeltung werden noch häufiger als Begründung für die eigene Politik herhalten. Seit die arabischen Staaten 1948 Israel in der Hoffnung auf seine Auslöschung mit Krieg überzogen, haben sämtliche Regierungen in Jerusalem auf jede Herausforderung stets militärisch geantwortet und dabei doch immer nur das gleiche Ergebnis erreicht: die Reproduktion des Konflikts auf einer höheren Stufenleiter der Eskalation. Man darf beiden Seiten unterstellen, die unheilvolle Wirkung dieser Spirale zu kennen. Warum aber setzen dann beide Seiten immer wieder darauf? Israel und Palästina sind Gefangene des Irrglaubens, die eigene Maximalposition sei die einzig akzeptable Lösung. Die Überzeugung, schon mit dem Gegner zu verhandeln, hieße, ihm nachzugeben, hat zur Unfähigkeit des Dialogs geführt. Statt ein kollektives Interesse am Frieden zu entwickeln, glauben die Hauptakteure der Region, dass sie mehr davon haben, sich einem Kompromiss zu verschließen.

Rhein-Neckar Zeitung:

Steinzeitliche Reflexe auf beiden Seiten, die eine friedliche Lösung weit zurückwerfen. Denn die Unverhältnismäßigkeit des israelischen Vorgehens ist nicht zu übersehen. Aber auch das eigentliche Ziel der Offensive, die womöglich am Boden fortgesetzt wird, dürfte kaum erreicht werden: die Ausschaltung der Hamas. Olmert, den sein gescheitertes Libanon-Abenteuer warnen sollte, riskiert auf diese Weise einen Flächenbrand.

Neues Deutschland:

Weder die Verantwortungslosigkeit der palästinensischen Radikalen noch das Versagen der Großmächte noch die Scheinheiligkeit der Nachbarn rechtfertigt allerdings das rabiate Vorgehen Israels, welches jede Relation vermissen lässt. Von niemandem zu Verhandlungen mit der Hamas gedrängt, fühlten sich Olmert und Co. ermutigt, ihrem Militärmoloch freien Lauf zu lassen. Wenigstens  Südafrikas   Erzbischof Tutu nennt die Dinge beim Namen und spricht von Kriegsverbrechen.

7 Antworten zu “Nahost-Grütze”

  1. Jonathan sagt:

    Nicht zu vergessen die Berichterstattung der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland. Allen voran die Tagesschau, die ja hierzulande immer noch als das Maß der Dinge in Sachen Seriösität gilt. (Warum überhaupt? Wenn man denn auf platten Antiamerikanismus und Antizionis.. äh pardon „Israel-Kritik“ steht, sollte man doch gleich zum Original greifen und spiegel-online lesen)
    Die Kommentare ihrer Korrespondenten sprechen auf jeden Fall eine deutliche Sprache:

    http://www.tagesschau.de/kommentar/kommentargaza100.html
    http://www.tagesschau.de/ausland/kommentar212.html

    Ansonsten vielen Dank für diese Zusammenstellung deutscher Realität.

  2. heplev sagt:

    Man sollte diese ganzen Redaktions-Idioten während des nächsten „Waffenstillstands“ fest entlang der Grenze stationieren, ohne dass sie sich vom Fleck rühren können und mal sehen, was sie dann sagen.

  3. Für abgehärtete Mägen « Letters from Rungholt sagt:

    […] Für abgehärtete Mägen Dezember 30, 2008, 0:51 Posted by Lila in Land und Leute, Uncategorized. trackback eine Portion Nahost-Grütze. […]

  4. » gehässiger und gefälliger gossip kotzboy.com sagt:

    […] antwort auf den dauerbeschuss des staates durch palästinensische terroristen (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 etc.). man reibt sich dabei vor allem an den beschwörerInnen einer angeblichen […]

  5. Der tiefere Sinn des Antisemitismus der Hamas « Letter of Intent sagt:

    […] Die Ungerechtigkeiten bei der Bewertung des Einsatzes nehmen dennoch langsam wieder zu. Während die einen Raketen ja nur selbstgebastelt waren, tötet Israel nun also den ganzen Gazastreifen. Natürlich sind die „Israel-„Krieg-ist-keine-Lösung“-Beiträge in der Mehrheit. […]

  6. John Dean sagt:

    Wie verstrahlt, pardon, neben der Spur muss man sein, um sich über einen Kommentar in „Neues Deutschland“ ernsthaft zu ärgern? Gibt es überhaupt noch ein unwichtigeres Presseorgan?

  7. Taktik der Hamas: Erhöhung des Bodycounts « Liberal in Österreich sagt:

    […] Veröffentlicht in Dezember 30, 2008 von Philip Abermals zeigt sich, dass deutschsprachige mit englischsprachigen Medien nicht mithalten können. Während sich orf.at darüber aufregt, dass […]

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