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<title>Verschleierte Demokratie</title>
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<meta name="description" content="Bei der ersten Sitzung des irakischen Parlaments folgten den islamischen 
          Formeln Bekenntnisse zur Demokratie. Der Streit um F&ouml;deralismus 
          und S&auml;kularismus verhinderte bislang eine Regierungsbildung.">
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        <p>&nbsp;</p>
        <p><a href="#" onClick="history.back()"><img src="../../img/textback.gif" width="38" height="25" border="0" alt="zur&uuml;ck"></a></p>
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      <div class="text"> 
        <h2> <br>
          Verschleierte Demokratie</h2>
        <h4> Bei der ersten Sitzung des irakischen Parlaments folgten den islamischen 
          Formeln Bekenntnisse zur Demokratie. Der Streit um F&ouml;deralismus 
          und S&auml;kularismus verhinderte bislang eine Regierungsbildung.</h4>
		  
        <p>von Thomas von der Osten-Sacken</p>
		  <table width="150" align="right" height="43" class="noprint">
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</td>
</tr>
</table>
        
        <p>Siebzehn Jahre nachdem Saddam Husseins Armee Giftgas gegen die Bev&ouml;lkerung 
          der kurdischen Stadt Halabja eingesetzt hatte, trat am 16. M&auml;rz 
          das erste frei gew&auml;hlte irakische Parlament zusammen. Dieses Datum 
          wurde mit Absicht gew&auml;hlt, gedacht als Tribut an die Opfer der 
          ba&#8217;athistischen Diktatur und zugleich Zeichen f&uuml;r einen Neubeginn. 
          Und wohl erstmals in der Geschichte des arabischen Nahen Ostens bekannten 
          sich damit auch die Vertreter arabischer Parteien deutlich zu den im 
          Namen des Panarabismus begangenen Verbrechen des vor fast genau zwei 
          Jahren gest&uuml;rzten Regimes. </p>
        <p>Zuvor aber musste die Er&ouml;ffnungszeremonie um eine halbe Stunde 
          verschoben werden, da die Gr&uuml;ne Zone im Zentrum Bagdads, in der 
          sich auch das Parlament behelfsm&auml;&szlig;ig befindet, von Mitgliedern 
          des &raquo;Widerstandes&laquo; mit M&ouml;rsern beschossen wurde. Abgeordnete, 
          die unter Beschuss ins Parlament kamen, blieben nicht das einzige widerspr&uuml;chliche 
          Bild des Tages. Vielmehr zeigten sich sowohl die Fortschritte, die in 
          den vergangenen 24 Monaten gemacht wurden, als auch die Gefahren, die 
          dem von den USA initiierten Prozess innewohnen. So werden 85 Frauen 
          in der neuen Nationalversammlung sitzen, schlie&szlig;lich legt die 
          &Uuml;bergangsverfassung eine Frauenquote von 25 Prozent fest. Doch 
          viele von ihnen sind Anh&auml;ngerinnen schiitischer Parteien und in 
          schwarze Abbayas geh&uuml;llt. </p>
        <p>Mit Suren aus dem Koran wurde dann auch die Sitzung er&ouml;ffnet, 
          erst danach bekundeten die Redner ihre Verbundenheit mit &raquo;Freiheit 
          und Demokratie&laquo;. Schlie&szlig;lich fielen bei den Wahlen 140 der 
          275 Sitze an die vornehmlich aus schiitisch-islamischen Parteien zusammengesetzte 
          United Iraqi Alliance (UIA), die zwar erkl&auml;rterma&szlig;en keineswegs 
          eine Theokratie im Irak anstrebt, sehr wohl aber die Verankerung der 
          Sharia in der Verfassung. </p>
        <p>Am Ende des Tages gingen die Parlamentarier auseinander, ohne dass 
          auch nur ein einziger Beschluss gefasst worden w&auml;re. Zwar betonten 
          alle Redner, wie historisch dieser Tag gewesen sei, und auch die liberale 
          und oppositionelle Presse der arabischen Nachbarstaaten, in denen die 
          Entwicklung im Irak genau verfolgt wird, begr&uuml;&szlig;te das Ereignis. 
          Alle Versuche, bereits eine Regierung zu bestimmen, waren jedoch an 
          Unstimmigkeiten gescheitert. </p>
        <p>Die beiden gr&ouml;&szlig;ten Bl&ouml;cke, die UIA und die kurdische 
          Einheitsliste, hatten in den vergangenen Wochen Koalitionsverhandlungen 
          gef&uuml;hrt. Bestimmt wurden Ibrahim al-Jaafari von der Da&#8217;wa 
          als neuer Premierminister und Jalal Talabani, Vorsitzender der Patriotischen 
          Union Kurdistans, als k&uuml;nftiger Pr&auml;sident. Auch &uuml;ber 
          weitere Fragen herrschte Einigkeit, die Forderung der Kurden, die Erd&ouml;lstadt 
          Kirkuk in das kurdische verwaltete Autonomiegebiet einzugliedern, stie&szlig; 
          allerdings bei den Schiiten auf Skepsis. Auch insistierte die kurdische 
          Delegation darauf, dass ihre Milizen, die Peschmergas, weiter unter 
          dem Kommando der kurdischen Regionalregierung stehen sollen, denn das 
          Misstrauen gegen arabische Sicherheitskr&auml;fte ist im Nordirak gro&szlig;. 
        </p>
        <p>Niemand hatte erwartet, dass die kurdischen Maximalforderungen ohne 
          Widerspruch akzeptiert werden w&uuml;rden. Mit der Eingliederung Kirkuks 
          w&uuml;rden die Kurden die Kontrolle &uuml;ber die zweitgr&ouml;&szlig;ten 
          Erd&ouml;lfelder im Irak gewinnen. Umstritten ist auch das kurdische 
          Konzept eines f&ouml;deralen Staates mit einer weitgehend geschw&auml;chten 
          Zentralregierung. Obgleich alle im Parlament vertretenen Parteien sich 
          offiziell zur f&ouml;deralen Idee bekennen, erscheint vielen arabischen 
          Politikern eine solche L&ouml;sung als Macht- und Prestigeverlust. </p>
        <p>Dennoch betonten beide Seiten, dass eine Einigung bevorstehe. Alle 
          Beteiligten stehen unter enormem Druck auch der US-Regierung, die dringend 
          auf weitere Erfolgsmeldungen aus dem Irak angewiesen ist. Eine erfolgreiche 
          Regierungsbildung im Irak, so hofft man zudem in Washington, k&ouml;nnte 
          den Demokratisierungsbestrebungen in anderen arabischen L&auml;ndern 
          weiteren Aufwind geben. </p>
        <p>In der irakischen Bev&ouml;lkerung ist seit der Wahl am 30. Januar 
          der Optimismus gr&ouml;&szlig;er. Einer Umfrage des International Republican 
          Institute (IRI) zufolge sehen 62 Prozent der Zukunft positiv entgegen, 
          nur noch 27 Prozent glauben, die Lage habe sich verschlechtert. Ob allerdings 
          eine neue Regierung von der Bev&ouml;lkerung akzeptiert werden wird, 
          h&auml;ngt nicht zuletzt davon ab, ob sie die weiterhin katastrophale 
          Sicherheitslage in den Griff bekommen wird. Weit &uuml;ber die H&auml;lfte 
          aller Iraker ist zudem &uuml;berzeugt, die neuen irakischen Beh&ouml;rden 
          seien extrem korrupt und betrieben Vetternwirtschaft, stellte die NGO 
          Transparency International fest. </p>
        <p>Die Vertreter der Sunniten, die den Wahlen mehrheitlich ferngeblieben 
          waren, stehen den Entwicklungen dagegen negativ gegen&uuml;ber. Sie 
          sind in dem neuen Parlament mit nur 17 Abgeordneten unterrepr&auml;sentiert 
          und f&uuml;rchten, ihren Einfluss weitgehend zu verlieren. Entsprechend 
          beklagte sich Bashar al-Faidhi, Sprecher der sunnitischen Vereinigung 
          Muslimischer Kleriker, dass das neue Parlament keineswegs die Bev&ouml;lkerung 
          des Irak repr&auml;sentiere. </p>
        <p>Zugleich w&auml;chst im Irak der Unmut &uuml;ber den &raquo;Widerstand&laquo;, 
          dessen Hochburgen sich in den mehrheitlich von Sunniten besiedelten 
          Gebieten des Zentralirak befinden. Als eine Autobombe im s&uuml;dirakischen 
          Hilla im Februar 118 Menschen in den Tod riss, demonstrierten nicht 
          nur Tausende in der s&uuml;dirakischen Stadt gegen Terrorismus. In Bagdad 
          forderten aufgebrachte Demonstranten sogar die Schlie&szlig;ung der 
          jordanischen Botschaft; eine jordanische Zeitung hatte berichtet, dass 
          ein Jordanier f&uuml;r die Tat verantwortlich sei. </p>
        <p>Die UN-Nachrichtenagentur Irin stellte zudem eine merklich wachsende 
          Feindschaft gegen arabische Migranten im Irak fest, die inzwischen kollektiv 
          verd&auml;chtigt w&uuml;rden, mit dem &raquo;Widerstand&laquo; zu sympathisieren. 
          Seit das irakische Fernsehen regelm&auml;&szlig;ig Gest&auml;ndnisse 
          inhaftierter Attent&auml;ter &uuml;bertr&auml;gt, die von ihren engen 
          Kontakten mit dem syrischen Geheimdienst berichten, wird diese Stimmung 
          noch angeheizt. Erst vor wenigen Tagen gestand ein &Auml;gypter, er 
          habe irakische &raquo;Kollaborateure&laquo; f&uuml;r jeweils 50 US-Dollar 
          vor laufender Kamera enthauptet. </p>
        <p>Bislang allerdings kam es zu keinen organisierten Vergeltungsaktionen. 
          Sowohl Schiiten wie Kurden betonen, wie wichtig es sei, die sunnitische 
          Minderheit in die neue Regierung einzubinden. Und erst wenn diese Regierung 
          gebildet ist, kann das Parlament seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen: 
          einen Verfassungsentwurf f&uuml;r den Irak zu schreiben. W&auml;hrend 
          sich die meisten Schiiten in der Nationalversammlung f&uuml;r eine starke 
          Verankerung des Islam in der neuen Verfassung aussprechen, streben die 
          Kurden einen s&auml;kularen Staat an. </p>
        <p>Schon warnen Kritiker, wie der Mitherausgeber des Time Magazine, Tony 
          Karon, im Nahen Osten drohe in Folge des Irak-Kriegs eine demokratische 
          Macht&uuml;bernahme der Islamisten. Umfragen von IRI weisen in eine 
          andere Richtung. Lediglich vier Prozent der Befragten bef&uuml;rworteten 
          die Sharia als einzige Quelle der neuen Verfassung, immerhin 44 Prozent 
          sprachen sich f&uuml;r eine strikte Trennung von Staat und Religion 
          aus. <br>
        </p>
        <p align="right"><em>erschienen in Jungle World Nr. 12 vom 23. M&auml;rz 
          2005 </em></p>
        <p></p>
      </div>
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