<html>
<head>
<title>Lieber keine Gefangenen</title>
<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1">
<meta name="description" content="W&auml;hrend die Wahlbeteiligung im Zentralirak stieg, sank sie im Norden des Landes. Denn viele Kurden sind unzufrieden mit der Klientelwirtschaft der gro&szlig;en Parteien.">
<link rel="stylesheet" type="text/css" href="display.css">
<link rel="stylesheet" href="../../formate/text-NN.css" media="screen">
<link rel="stylesheet" href="../../formate/text.css" media="all">

<style type="text/css">
<!--
#Marke {position: absolute; visibility: hide;}
div.center { text-align:center; }
div.center table { margin-left:auto; margin-right:auto; }
-->
</style>

<script LANGUAGE="JavaScript" TYPE="text/javascript">
<!--

function init(){}
function positionierung(){}

//-->
</script>
<script src="../../scripte/pfeilup.js" TYPE="text/javascript"></script>
</head>

<body bgcolor="#FFFFFF" text="#000000" background="../../img/hg-raster-pix.gif" onLoad="init()" onResize="positionierung()" onScroll="positionierung()">
<SCRIPT LANGUAGE="JavaScript" src="../../scripte/monitor/1024_start.js"></script>
<div ID="Marke">
</div>
<table width="780" border="0" cellspacing="0" cellpadding="0">
  <tr> 
    <td valign="top" rowspan="2" width="120"> 
      <div align="center">
        <p><img src="../../img/blind.gif" width="130" height="8">
          <a href="../../index.htm"><img src="../../img/logo-blau_32x100.gif" onFocus="if(this.blur)this.blur()" width="100" height="32" border="0"></a></p>
        <p>&nbsp;</p>
        <p><a href="#" onClick="history.back()"><img src="../../img/textback.gif" width="38" height="25" border="0" alt="zur&uuml;ck"></a></p>
      </div>
    </td>
    <td height="40" valign="top" width="540"> 
      <SCRIPT LANGUAGE="JavaScript" src="../../scripte/inserts/likolumn.js"></script> 
    </td>
    <td rowspan="2" width="120" valign="top"> 
      <div class="druckvers"><a href="../../scripte/print.php">Druckversion</a></div> 
    </td>
  </tr>
  <tr> 
    <td bgcolor="#FFFFFF"> 
      <!-- startprint -->
        
      <div class="text"> 
        <h2> <br>
        Stimmzettel im &Ouml;ltank</h2>
        <h4> W&auml;hrend die Wahlbeteiligung im Zentralirak stieg, sank sie im Norden des Landes. Denn viele Kurden sind unzufrieden mit der Klientelwirtschaft der gro&szlig;en Parteien. </h4>
        <p>von Martin Roddewig, Suleymaniah </p>
		<table width="150" align="right" height="43" class="noprint">
<tr> 
<td valign="top">
<div align="right"> <a href="http://www.jungle-world.com/" target="_wadiout"><img src="../../img/logos/jungleworld.gif" width="140" height="33" alt="http://www.jungle-world.com/" border="0"></a></div>
</td>
</tr>
</table>
        <p>Die W&auml;hler sind w&uuml;tend. Sie trommeln an T&uuml;ren und Fenster der Wahlkomission in der Stadt Halabja im Nordirak, in der Hoffnung, den Wahlleiter sprechen zu k&ouml;nnen. Die Stimmung ist aggressiv. Verschw&ouml;rungstheorien kursieren, viele vermuten, dass die Araber schuld sind. &raquo;R&uuml;ckkehrer aus dem Iran d&uuml;rfen w&auml;hlen, ich wohne mein Leben lang in Halabja und darf nicht w&auml;hlen&laquo;, emp&ouml;rt sich Mirwan Ahmed, seine in kurdischer Tracht herausgeputzte Tochter auf dem Arm. </p>
        <p>Wie er haben sich viele W&auml;hler fr&uuml;h morgens zu den Wahlb&uuml;ros aufgemacht, nur um dort zu erfahren, dass sie nicht im Verzeichnis eingetragen sind. Der Wahlleiter ist hilflos, die Gesetze sind eindeutig: Wer auf keiner Liste steht, darf nicht w&auml;hlen. </p>
        <p>Die offenkundig unvollst&auml;ndigen W&auml;hlerlisten waren im ganzen Land ein Problem bei den Wahlen zum irakischen Parlament am 15. Dezember, aber eine der wenigen wirklich bedeutenden Unregelm&auml;&szlig;igkeiten. Sie dokumentieren, wie schwierig es ist, in einem Land freie, gleiche und geheime Wahlen zu organisieren, in dem in einigen Provinzen blutiger Terror herrscht, in dem es zwischen Nord und S&uuml;d, zwischen Arm und Reich und zwischen den Bev&ouml;lkerungsgruppen gewaltige Unterschiede gibt. </p>
        <p>Die meisten Probleme konnten von der Wahlkommission gel&ouml;st werden, wenn auch mit manchmal drakonischen Ma&szlig;nahmen. Die internationalen Grenzen und die Grenzen zwischen den Provinzen wurden geschlossen, vor den Wahlen herrschte eine n&auml;chtliche Ausgangssperre, am Wahltag selbst von Mitternacht bis zur Schlie&szlig;ung der Wahllokale Fahrverbot. Ganze Stra&szlig;enblocks um die Wahllokale wurden abgesperrt, um Selbstmordattentate zu verhindern. Der Grenzpolizei gelang es am Dienstag vor den Wahlen, Hunderte von Urnen mit gef&auml;lschten Stimmzetteln sicherzustellen, die in einem &Ouml;lktankwagen aus dem Iran eingeschmuggelt werden sollten. </p>
        <p>Die Wahlkommissionen wurden mit unabh&auml;ngigen Kandidaten besetzt, alle lokalen Parteien und Nichtregierungsorganisationen konnten Wahlbeobachter entsenden. Aber selbst diese Ma&szlig;nahmen gingen dem Vorsitzenden der Wahlkomission der Provinz Suleymaniah, dem ehemaligen Richter Scheikh Latif, nicht weit genug: &raquo;Sicher, wir haben viele Instrumente, um Manipulationen zu verhindern, aber eines fehlt uns: Die Wahlkommissionen haben keine wirkliche Macht. Wenn wir offensichtliche Unregelm&auml;&szlig;igkeiten entdecken, k&ouml;nnen wir einen Bericht schreiben, der wird nach Bagdad geschickt und dort abgeheftet, und das war's. Es gibt kein Gesetz, das Manipulationen unter Strafe stellt.&laquo; </p>
        <p>314 Parteien waren zur Wahl zugelassen. Die meisten wurden erst vor kurzem gegr&uuml;ndet und sind so obskur, dass selbst die Experten in den vielen TV-Talkshows zur Wahl M&uuml;he hatten, &uuml;berhaupt etwas zu ihnen zu sagen. Da die k&uuml;nftige Regierung insbesondere gegen&uuml;ber den arabischen Nachbarn demokratisch legitimiert auftreten will und den arabischen Sunniten kein Anlass gegeben werden sollte, die Wahl zu boykottieren, wurden auch Parteien zugelassen, die offensichtlich keine Chance hatten, mehr als eine Handvoll W&auml;hler zu gewinnen. </p>
        <p>Wahlen im Irak sind nach wie vor re&shy;gional gepr&auml;gt, weniger von Sachthemen oder Personen. Und so dominierte im Nordirak die Patriotische Demokratische Allianz Kurdistans, sie konnte in den l&auml;ndlichen Regionen &uuml;ber 90 Prozent der Stimmen gewinnen. In der kurdischen Allianz haben sich die beiden gro&szlig;en Parteien, die Patriotische Union Kurdistans und die Kurdische Demokratische Partei, sowie einige kleinere Parteien wie die Assyrische Patriotische Partei und die Kommunistische Partei Kurdistans zusammengeschlossen. </p>
        <p>Die kurdische Allianz erzielte bei den Wahlen im Januar auf den Irak hochgerechnet &uuml;ber 25 Prozent der Stimmen, wurde die zweitst&auml;rkste politische Kraft und stellt derzeit acht Minister. M&ouml;glich war dieser Erfolg nur durch die au&szlig;ergew&ouml;hnlich hohe kurdische Wahlbeteiligung. Die Menschen nahmen im gebirgigen Norden weite Wege in Kauf, standen stundenlang an, um nach dem Sturz der Ba'ath-Diktatur erstmals in demokratischen Wahlen ihre Stimme abzugeben. </p>
        <p>Dementsprechend viel stand f&uuml;r die kurdischen Politiker diesmal auf dem Spiel. Durch die Beteiligung vieler arabisch-sunnitischer Parteien w&uuml;rde sich das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis im Irak sowieso &auml;ndern, es kam nun darauf an zu verhindern, dass die Verschiebungen allzu gro&szlig; ausfallen. Alles wurde versucht, um die W&auml;hler erneut an die Urnen zu treiben: Popstars wie der popul&auml;re S&auml;nger Zakariah wurden aus dem Ausland f&uuml;r Konzerte eingeflogen, Wahlk&auml;mpfer zogen in Autokonvois hupend und F&auml;hnchen schwenkend durch die Stra&szlig;en, patriotische Fernsehspots sollten im Zehn-Minuten-Takt f&uuml;r Stimmung sorgen. </p>
        <p>Aber die stellte sich nicht ein. In den f&uuml;r den erhofften Massenandrang mit vielen Absperrungen aufw&auml;ndig umgebauten Schulgeb&auml;uden erschienen in den Gro&szlig;st&auml;dten nur wenige W&auml;hler. Nur in den l&auml;ndlichen Regionen war die Wahlbegeisterung ungebrochen, doch in vielen Bezirken lag die Beteiligung am Ende kaum &uuml;ber 50 Prozent. Damit steht der kurdische Norden gegen den irakischen Trend. Sowohl der schiitische S&uuml;den als auch der sunnitische Zentralirak meldeten eine hohe Wahlbeteiligung, im Landesdurchschnitt lag sie bei knapp 70 Prozent. </p>
        <p>Die Terrorgruppen verzichteten auf Anschl&auml;ge, viele Geistliche und andere lokale Autorit&auml;ten im Zentralirak hatten zur Teilnahme an den Wahlen aufgerufen. Arabisch-sunnitische Parteien werden im neuen Parlament vertreten sein, einige ihrer Abgeordneten haben bereits die Beteiligung an einer Koalitionsregierung gefordert. Unklar ist noch, ob die Koalitionsliste schiitischer Parteien und Geistlicher ihre Hegemonie im S&uuml;den halten konnte und ob gesamt&shy;irakische Gruppierungen wie die Irakische Nationale Liste des ehemaligen Premierministers Iyad Alawi diesmal mehr Erfolg hatten. Doch auch wenn das Endergebnis wohl erst in zwei Wochen verk&uuml;ndet wird, kann die kurdische Allianz schon heute als Verlierer der Wahlen gelten. </p>
        <p>Die Gr&uuml;nde sind auch den Politikern bekannt, in den vielen TV-Talkshows und auf der Stra&szlig;e &auml;u&szlig;erten viele Kurden sie ganz offen: Sie haben die Klientelwirtschaft der beiden gro&szlig;en kurdischen Parteien satt. Zwar hat der Nord&shy;irak, anders als der Rest des Landes, in den vergangenen zwei Jahren einen ungeahnten wirtschaftlichen Boom erlebt, die Arbeitslosigkeit wurde gesenkt. </p>
        <p>Aber die Schattenseiten sind nicht zu &uuml;bersehen: In den St&auml;dten entstehen repr&auml;sentative Prunkbauten, wenige Kilometer weiter haben die Menschen in vielen D&ouml;rfern nicht einmal sauberes Trinkwasser. Lukrative Unternehmen wie Hotels und Tankstellen sind quasi in Parteibesitz. Viele der neu geschaffenen Arbeitspl&auml;tze sind &uuml;berfl&uuml;ssige Stellen in einer aufgebl&auml;hten B&uuml;rokratie. Nur mit Beziehungen oder durch ausgewiesene Loyalit&auml;t zu einer der Parteien kommt man an Jobs und billiges Bauland. Viele Menschen sind deshalb den Wahlen ganz bewusst fern geblieben. </p>
        <p>Erst am Abend kommt in Suleymaniah ein wenig Stimmung auf. Auf der Hauptstra&szlig;e fahren hupende Autokonvois auf und ab, aus denen laute Musik dr&ouml;hnt. Ein paar Passanten schie&szlig;en Feuerwerksraketen ab. Es sind im Wesentlichen Anh&auml;nger der Patriotischen Union Kurdistans und bezahlte Wahlk&auml;mpfer, die noch eine Ehrenrunde drehen, bevor sie ihre mit Fahnen und Plakaten beh&auml;ngten Autos wieder abschm&uuml;cken. </p>
        <p><em><br>
        Artikel erschienen in 


 Jungle World Nr. 51 am 21. Dezember 2005 <br>
</em></p>
        <p></p>
      </div>
      <!-- stopprint -->
      <div class="foot">
        <hr size="1">
        WADI e.V. | tel.: (+49) 069-57002440 | fax (+49) 069-57002444 <br>
        <a href="http://www.wadinet.de">http://www.wadinet.de</a> | e-mail: <SCRIPT LANGUAGE="JavaScript" src="../../scripte/inserts/atinfo.js"></script></div></td>
  </tr>
  <tr> 
    <td colspan="3" height="32"></td>
  </tr>
</table>
<SCRIPT LANGUAGE="JavaScript" src="../scripte/monitor/1024_end.js"></script>
</body>
</html>

