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<title>Operation gegl&uuml;ckt?</title>
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<meta name="description" content="Konfessionelle Eliten im Libanon, islamische Radikalisierung des Iran, religi&ouml;se und Stammesstrukturen im Irak: Wie steht es um die annoncierte &quot;Demokratisierung&quot; des Nahen Osten?">
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        <h2><br>
          <strong>Operation gegl&uuml;ckt?</strong></h2>
        <h4>          <strong>Konfessionelle Eliten im Libanon, islamische Radikalisierung des Iran, religi&ouml;se und Stammesstrukturen im Irak: Wie steht es um die annoncierte &quot;Demokratisierung&quot; des Nahen Osten? </strong> </h4>
        <p><em>von Thomas von der Osten-Sacken und Thomas Uwer<br> 
        </em></p>
		
		<p>&quot;Nie stand es um Amerikas Ansehen in Europa schlechter. Die Menschen werden nicht m&uuml;de, &uuml;ber Ignoranz und Rowdytum der amerikanischen Truppen zu berichten und &uuml;ber unser Unverst&auml;ndnis gegen&uuml;ber den Bedingungen in Europa.&quot; Anfang Juli zitierte US-Verteidigungsminister Rumsfeld in einem Beitrag f&uuml;r die &quot;Seattle Times&quot; diesen Bericht aus Deutschland von 1946. Auch nach dem Sieg &uuml;ber Nazideutschland seien die amerikanischen Wiederaufbaubem&uuml;hungen in Grund und Boden kritisiert worden. Warum also, so Rumsfeld, sollte es beim Irak heute anders sein? &quot;Es &uuml;berrascht nicht, da&szlig; es Fragen gibt, was die Situation im Irak heute betrifft. So ist das immer in Zeiten des Krieges.&quot; Wer im Irak erfolgreich sein wolle, der brauche, wie damals in Deutschland, einen langen Atem.</p>
        <p>&quot;Fragen&quot; gibt es in der Tat - und das nicht nur in Bezug auf das Image der amerikanischen Stabilisierungsversuche im Irak, das durch den anhaltenden Terror islamistischer und ba'thistischer Gruppen mindestens genauso besch&auml;digt wurde wie durch den Folterskandal im Gef&auml;ngnis Abu Ghraib. Wen aber die schlechten Nachrichten aus dem Irak schon nicht aus der Ruhe zu bringen verm&ouml;gen, dem sollte zumindest Rumsfelds Hinweis auf die grundlegendere Frage zu denken geben, ob das urspr&uuml;ngliche Konzept einer demokratischen Neuordnung des Nahen Ostens, das erkl&auml;rterma&szlig;en durch die Befreiung der irakischen Bev&ouml;lkerung initiiert werden sollte, &uuml;berhaupt noch eine realistische Option ist. Denn w&auml;hrend die Einsicht in das strategische Erfordernis einer &quot;&Ouml;ffnung&quot; diktatorischer Gesellschaften im arabisch-islamischen Orient mittlerweile selbst von einstigen Gegnern der Nahost-Politik unter George W. Bush geteilt wird, w&auml;chst der Zweifel an der im Irakkrieg propagierten Liberation-Policy auch innerhalb der US-Administration. &quot;Amerikas Aufgabe im Nahen Osten besteht in der Ermutigung zu einer demokratischen Evolution, nicht zu einer Revolution&quot;, steht in einem gerade erschienenen Bericht des Council on Foreign Relations zu lesen, an dem neben der ehemaligen Au&szlig;enministerin Madeleine Albright auch &quot;neokonservative&quot; Experten wie Joshua Muravchik vom &quot;American Enterprise Institute&quot; und Vin Weber, Vorsitzender des &quot;National Endowment for Democracy&quot; und ehemals Pr&auml;sident von &quot;Empower America&quot;, mitgewirkt haben. &quot;Demokratie kann nicht pl&ouml;tzlich und von au&szlig;en aufgezwungen werden&quot;, hei&szlig;t es weiter, &quot;traumatische Wechsel sind weder erforderlich noch w&uuml;nschenswert.&quot; Demokratisierung sei vielmehr eine Aufgabe von Jahrzehnten, die nur unter Ber&uuml;cksichtigung der &quot;politischen Diversit&auml;t der Region&quot; und unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kr&auml;fte gelingen k&ouml;nne – explizit sind damit auch Islamisten gemeint, sofern diese sich nicht ausdr&uuml;cklich &quot;weigern, zu einer friedlichen Entwicklung beizutragen&quot;.</p>
        <p>Was nach geordnetem R&uuml;ckzug klingt, stellt in Wirklichkeit das 2003 propagierte Programm der Regierung Bush f&uuml;r eine Neuordnung des Nahen Osten grunds&auml;tzlich in Frage. Da&szlig; es im Irak zun&auml;chst nicht um das Aufsp&uuml;ren und Zerst&ouml;ren vermeintlicher Massenvernichtungswaffen ging, sondern um die Beseitigung der ba'thistischen Diktatur mit dem proklamierten Ziel, ein Vorbild f&uuml;r eine sukzessive Demokratisierung der gesamten Region zu schaffen, war der Kern der milit&auml;rischen Intervention der USA im Nahen Osten. Die dem zugrundeliegende Analyse geht im Wesentlichen davon aus, da&szlig; die Diktaturen des Nahen Ostens die ma&szlig;gebliche Ursache f&uuml;r den islamistischen Terror seien. Eine Besserung w&uuml;rde es erst geben, wenn eine strukturelle Ver&auml;nderung der Lebens- und Herrschaftsverh&auml;ltnisse im Nahen Osten durchgesetzt w&auml;re. Diese Annahme begleitete einen tiefgreifenden Wandel der amerikanischen Nahost-Politik: Weg von dem bis dato betriebenen Containment vermeintlich stabiler Autokratien, hin zu einer Politik, die auf eine &Ouml;ffnung der &quot;closed societies&quot; zielte.</p>
        <p>Die USA, jahrzehntelang Garant der repressiven Ordnung autokratischer Regime, wurden zum Initiator einer Ver&auml;nderung, deren Motor die bis dahin unterjochten Bev&ouml;lkerungen sein sollten. Das Signal, das vom gewaltsamen Sturz des Regimes im Irak ausgehen sollte, mu&szlig;te folgerichtig mindestens zwei Adressaten haben: Die Regierungen der Region mitsamt ihren Apparaten sowie die Bev&ouml;lkerungen, die im Irak ein Beispiel finden sollten, da&szlig; ein besseres Leben f&uuml;r sie m&ouml;glich ist.</p>
        <p>Zwei Jahre sp&auml;ter hat sich l&auml;ngst Ern&uuml;chterung breitgemacht. Der Schrecken, den die Bilder st&uuml;rzender Saddam-Statuen in den Pr&auml;sidentenb&uuml;ros und Pal&auml;sten von Teheran, Damaskus, Riad und Kairo ausgel&ouml;st haben, ist der Gewi&szlig;heit gewichen, da&szlig; eine Wiederholung des Ereignisses im eigenen Land vorerst nicht zu erwarten steht. Die Euphorie der Befreiung ist weitgehend der Angst vor Unsicherheit und Terror gewichen. Da&szlig; das Modell &quot;Irak&quot; den Menschen des Mashreq heute als erstrebenswertes Vorbild erscheint, ist angesichts der Bilder aus Bagdad durchaus zweifelhaft.</p>
        <p>Unabh&auml;ngig von den Entwicklungen dort aber hat sich auch im Libanon und zuletzt im Iran gezeigt, an welche Grenzen das Programm einer von au&szlig;en induzierten Befreiung weiterhin st&ouml;&szlig;t. Zwar haben der Sturz des Ba'thisten im Irak und das Programm der Greater-Middle-East-Initiative diejenigen gest&auml;rkt, die in ihren L&auml;ndern grundlegende Ver&auml;nderungen fordern. Nur fehlt offensichtlich jene gesellschaftliche Dynamik, die die Infragestellung der nah&ouml;stlichen Herrschaftssysteme &uuml;ber den kleinen Kreis der ohnehin westlich gesinnten Liberalen hinaustragen k&ouml;nnte. W&auml;hrend in Beirut der Massenprotest gegen die syrische Besatzung auf politische Strukturen zur&uuml;ckfiel, die von den alten – meist konfessionell gepr&auml;gten - Eliten des Landes bestimmt werden, zeigte die Pr&auml;sidentenwahl im Iran, welche Diskrepanz nach wie vor zwischen den meist ins Exil getriebenen Liberalen und den Massen des Landes besteht. In Teheran hat bekanntlich der Basar gesiegt, und daran h&auml;tte sich auch nichts ge&auml;ndert, w&auml;ren die Wahlen &quot;frei&quot; und &quot;fair&quot; gewesen.</p>
        <p>Angesichts der nah&ouml;stlichen Gesamtlage erscheinen die Erfolge, die der Wiederaufbau des Irak zu verzeichnen hat, klein und unbedeutend. Denn nicht nur im Iran, sondern auch im Irak mu&szlig;ten diejenigen, die jahrzehntelang f&uuml;r freie Wahlen und eine demokratische Verfassung gek&auml;mpft haben, erleben, wie die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung, endlich nach ihrer Meinung gefragt, ihre Stimme einem islamistischen Parteienb&uuml;ndnis gab, das nunmehr darangeht, die Grundrechte-Charta der k&uuml;nftigen Verfassung soweit wie m&ouml;glich zusammenzustreichen. Einer Vorabver&ouml;ffentlichung des Entwurfs in der irakischen Zeitung &quot;Al-Mahda&quot; vom 29. Juni ist zu entnehmen, da&szlig; die dort formulierten Pers&ouml;nlichkeits- und Freiheitsrechte nur unter der Einschr&auml;nkung gelten sollen, da&szlig; diese nicht &quot;dem islamischen Recht der Scharia&quot; und den kulturellen Traditionen des Irak widersprechen. Gegen den Widerstand der kurdischen Parteien versucht die schiitische Partei Al-Dawa al-Islami des Ministerpr&auml;sidenten Al-Djafaari, die Festlegung auf eine f&ouml;derale Ordnung aus der Verfassung zu entfernen und damit das Anerkenntnis zu revidieren, da&szlig; der Irak kein &quot;arabischer Staat&quot; seit. Symboltr&auml;chtig, wenn auch faktisch bedeutungslos, werden israelische Staatsb&uuml;rger in dem Entwurf von dem Recht aller im Irak Geborenen ausgenommen, die irakische Staatsb&uuml;rgerschaft zu erhalten. Sollte dieser Entwurf tats&auml;chlich beschlossen werden, so w&uuml;rde er zwar noch immer die freiheitlichste Verfassung im arabisch/islamischen Orient sein, von einer wirkungsvollen Inrechtsetzung des Individuums (insbesondere der Frauen) gegen&uuml;ber Staat, Glaubensgemeinschaft und traditionalen Strukturen, von jenem Neuanfang also, den der Sturz des Ba'th-Regimes versprach, w&auml;re nicht viel geblieben. Ein irakischer Staat, der sich arabisch d&uuml;nkt, irakische Juden, die in Israel Zuflucht gesucht haben, von Grundrechten ausschlie&szlig;t sowie Scharia und Traditions-, also Stammesrecht &uuml;ber die Pers&ouml;nlichkeitsrechte seiner B&uuml;rger stellt, mag als &quot;moderat islamisch&quot; durchgehen, demokratisch ist er nicht.</p>
        <p>So ist denn Rumsfelds Hinweis auf die Probleme des Wiederaufbaus in Deutschlands nicht nur beschwichtigende Rhetorik, sondern vor allem der Reflex einer ver&auml;nderten Wahrnehmung des Irak. Denn so sehr man bei der Inszenierung des Krieges Anleihen bei der Niederschlagung des Nationalsozialismus gemacht hatte, so grundlegend unterschied sich das politische Programm f&uuml;r den Irak von der Entnazifizierung Deutschlands nach 1945. Im Gegensatz zu den Deutschen n&auml;mlich wurden die Irakis nicht als T&auml;terkollektiv, sondern als Opfer gesehen, die von einer Diktatur befreit werden sollten, w&auml;hrend die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Deutschen seinerzeit bestenfalls unwillentlich &quot;befreit&quot; worden ist. Terror und Unterdr&uuml;ckung, dies zumindest war die Grundannahme, haben die irakische Bev&ouml;lkerung zum Gehorsam gegen&uuml;ber dem ba'thistischen Staat gezwungen, nicht ideologische Konformit&auml;t und Zustimmung wie im Falle der Deutschen. Anstelle einer dauerhaften Besatzung und einer zentral gelenkten Umerziehung der irakischen Gesellschaft sollte daher mit dem Sturz des Diktators sollte denn auch die Regierungsverantwortung rasch von den Koalitionstruppen an die Irakis &uuml;bergehen, denn nur &quot;befreit&quot;, nicht &quot;besetzt&quot; konnte der Irak seine Funktion als Modell einer umfassenderen Demokratisierung der Region erf&uuml;llen.</p>
        <p>Bekanntlich ist es dazu nicht gekommen. Vierzehn Monate lang wurde der Irak von den Koalitionstruppen verwaltet, bevor die Regierungsgesch&auml;fte an die Irakis &uuml;bergeben wurden. Die Tatsache, da&szlig; der Sicherheitsapparat Saddam Husseins im Krieg weder zerschlagen wurde noch kapituliert hatte, sondern nach einer kurzen Reorganisationsphase den Krieg aus dem Untergrund fortsetzte, d&uuml;rfte nur ein Grund daf&uuml;r gewesen sein. Tats&auml;chlich mi&szlig;traute man in der US-Administration den &quot;Externen&quot; zutiefst, jenen Oppositionskr&auml;ften also, die sich aus dem Exil oder dem seit 1991 befreiten kurdischen Nordirak an die Planung einer Nachkriegsordnung gemacht hatten. Von ihren unter dem Namen &quot;Future of Iraq&quot; entwickelten Konzepten wurde praktisch nichts &uuml;bernommen, auch aus Furcht, die lokale Mehrheit der irakischen Bev&ouml;lkerung und die kooperationswilligen Teile des ehemaligen Staatsapparates zu verprellen. Ein gro&szlig;er Teil der amerikanischen Irakpolitik besteht bis heute darin, jene einzubinden, die sich einer Neuordnung des Landes am vehementesten widersetzen, um eine weitere Destabilisierung zu vermeiden.</p>
        <p>W&auml;hrend Islamisten und arabische Nationalisten, die von der Koalitionsverwaltung aus Angst umworben wurden, sie k&ouml;nnten andernfalls den Regierungsbildungsproze&szlig; g&auml;nzlich unterminieren, heute versuchen, den Verfassungsentwurf sukzessive von seinen - gemessen am Zustand ex ante - fortschrittlichen Elementen zu reinigen, sto&szlig;en sie innerhalb des Iraks auf den Widerstand nicht nur der kurdischen Parteien, sondern zunehmend auch jener Schicht liberaler Irakis, die sich um die Befreiung betrogen w&auml;hnen. Keineswegs selbstverst&auml;ndlich ist, da&szlig; eine Zeitung gegen den Willen der Regierung den Verfassungsentwurf vorab ver&ouml;ffentlicht und da&szlig; &ouml;ffentlich diskutiert wird, was hinter verschlossenen T&uuml;ren ausgehandelt werden sollte. Nur sind es eben vor allem Gruppen ohne reale Macht, die sich f&uuml;r eine moderne, s&auml;kulare Verfassung einsetzen. H&auml;tte die US-Administration den Proklamationen des Jahres 2003 entsprechende Taten folgen lassen, so h&auml;tten gerade diese Gruppen ihre Unterst&uuml;tzung erhalten m&uuml;ssen. Dies aber w&uuml;rde bedeuten, sich offen mit den traditionalen Stammesverb&auml;nden und islamischen Parteien anzulegen und eine weitere Destabilisierung zu riskieren.</p>
        <p>Das Problem der Amerikaner im Irak ist zumindest in dieser Hinsicht durchaus auf andere Gesellschaften des Mashreq &uuml;bertragbar. Offensichtlich n&auml;mlich setzten die Koalitionstruppen im Irak nicht von Beginn an auf eine Besatzungspolitik. Die &Uuml;bernahme der Verwaltung und die Eingriffe in den Regierungsbildungsproze&szlig; folgten vielmehr der Erkenntnis, da&szlig; es neben dem guten Willen vieler Einzelner auch gesellschaftlicher Institutionen bedarf, die in der Lage sind, den Willen dieser Einzelnen auch durchzusetzen. Da&szlig; es an derartigen Institutionen und ihrem sozialen Fundament, einem selbstbewu&szlig;ten st&auml;dtischen B&uuml;rgertum, in allen Staaten des arabischen Nahen Ostens mangelt, ist ein Grund daf&uuml;r, da&szlig; die Demokraten vorerst nur eine d&uuml;nne Modernisierungsschicht darstellen. Die Konzentration aller Macht im Staatsapparat erkl&auml;rt auch das Vakuum, das nach dem Sturz Saddam Husseins entstand. Der Ba'th-Staat hat im Irak praktisch keine gesellschaftlichen Strukturen hinterlassen, auf die sich eine Demokratisierung st&uuml;tzen k&ouml;nnte. Mehr noch als in anderen arabischen Staaten hat Saddam Husseins monolithische Herrschaft es vermocht, jede au&szlig;erhalb dieses Zentrums stehende Gruppe, die eigene Entscheidungsgewalt beanspruchte, zu unterdr&uuml;cken. Als politisch relevante Klasse existierte einzig jene staatliche B&uuml;rokratie, die am 9. April 2003 von der Bildfl&auml;che verschwand und ein Heer unzufriedener und ver&auml;ngstigter Untertanen hinterlie&szlig;. Seitdem suchen die Amerikaner verzweifelt nach gesellschaftlichen Akteuren, die sich als Tr&auml;ger eines Demokratisierungsprozesses eigneten und zugleich genug Macht bes&auml;&szlig;en, ihre damit verbundenen Interessen gegen&uuml;ber dem Staat auch zu vertreten.</p>
        <p>Aber auch jene Technokraten, die, dem deutschen Vorbild folgend, als gel&auml;uterte Demokraten die Gesch&auml;fte des Landes h&auml;tten fortf&uuml;hren wollen, fanden sich kaum. Weder gab es im Irak ein eigenst&auml;ndiges Industrie- oder Finanzkapital noch einen Beamtenstand, weder eine b&uuml;rgerliche noch wenigstens eine feudale Klasse, die ohne den Staat existieren und dementsprechend ein Interesse h&auml;tten anmelden k&ouml;nnen, zu ihren Gesch&auml;ften zur&uuml;ckkehren zu wollen. Das erstaunliche Ph&auml;nomen, da&szlig; mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen in die irakische Hauptstadt praktisch der gesamte Staatsapparat verschwand, ist das Resultat einer despotischen Herrschaftsweise, in der alle Bereiche der Gesellschaft von <em>einem </em> Machtzentrum kontrolliert werden. Der irakische Ba'thismus hat diese Form despotischer Herrschaft im Nahen Osten lediglich auf die Spitze getrieben, das zugrundeliegende Problem ist in allen Gesellschaften der Region virulent.</p>
        <p>In der Praxis blieb den Koalitionstruppen schlie&szlig;lich wenig anderes &uuml;brig, als sich jener gesellschaftlichen Strukturen zu bedienen, die allesamt denkbar ungeeignete Tr&auml;ger der avisierten Demokratisierung sind: St&auml;mme, regionale, ethnische und religi&ouml;se Verb&auml;nde. Es ist daher kaum verwunderlich, da&szlig; auch von den viel kritisierten Privatisierungsma&szlig;nahmen wenig geblieben ist. Denn weder sind die vorhandenen Parteien willens noch sind sie in der Lage, die vorgefundenen Strukturen aufzubrechen oder zu transformieren, sie reproduzieren im Gegenteil jenes auf &Ouml;lrente und Landbesitz fu&szlig;ende Verteilungssystem, das schon alleine Gehorsam und Gefolgschaft sichert. Im S&uuml;dirak verf&uuml;gen schiitisch-islamische Stiftungen heute &uuml;ber einen derart gro&szlig;en Kapitalanteil, da&szlig; l&auml;ngst von der Ayatollah Al-Sistani AG die Rede ist. Dem entgegen stehen neben den Kurden, die sich der F&uuml;gung unter ein staatliches Diktat schon aus Furcht vor einer erneuten Unterdr&uuml;ckung durch die arabische Mehrheit widersetzen, die langsam entstehende st&auml;dtische Mittelschicht, die auf eine Entwicklung des irakischen Marktes jenseits staatlich kontrollierter Schl&uuml;sselindustrien dr&auml;ngt, sowie die neu entstandenen Medien und Interessensverb&auml;nde, die sich gegen die ethnische und konfessionelle Aufteilung des Landes ebenso wehren wie gegen die Wiederkehr eines starken Staates, der ihre Handlungsfreiheit einschr&auml;nkt. Zumindest insofern ist die Kritik an der &quot;von au&szlig;en aufgezwungenen&quot; Demokratisierung denn auch berechtigt: Mehr als Wahlen zu was auch immer ben&ouml;tigt die Implementierung demokratischer Strukturen ein Konzept zur umfassenden Umgestaltung der materiellen und gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse im Mashreq. Mit &quot;allen gesellschaftlichen Kr&auml;ften&quot;, namentlich mit Islamisten, ist diese Umgestaltung freilich nicht zu haben.</p>
        Die Liste der Fehler, die amerikanische Politiker und Milit&auml;rs im Irak begangen haben (sollen), ist zwei Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins ins scheinbar Unendliche gewachsen. Selten wird die Frage gestellt, ob sich &uuml;berhaupt eine Alternative bot. Denn die Probleme, auf welche die Koalitionsverwaltung im Irak und die USA im Nahen Osten heute sto&szlig;en, sind kaum dazu geeignet, die zugrundeliegende Analyse zu entkr&auml;ften, sie zeigen vielmehr das wahre Ausma&szlig; der Probleme, vor denen die Gesellschaften des Nahen Ostens stehen. Im Irak wurde gewisserma&szlig;en lediglich der Deckel angehoben. Was darunter zum Vorschein kommt, gibt wenig Anla&szlig; zu Optimismus: &Ouml;konomisch und sozial heruntergewirtschaftete Gesellschaften, deren Bev&ouml;lkerung zu immer gr&ouml;&szlig;eren Teilen aus jungen Menschen besteht, die weder Zugang zu Bildung noch zu einem eigenen Einkommen haben, in denen der Schutz und die Sicherung des &Uuml;berlebens zunehmend von primordialen und konfessionellen Verb&auml;nden &uuml;bernommen wird und in denen der Einzelne nichts, das nationale/ethnische/religi&ouml;se Kollektiv alles z&auml;hlt. Angesichts der herrschenden Mischung aus Diktatur, Verelendung und Islamismus aber erscheint eine grundlegende Umgestaltung des arabisch/islamischen Nahen Osten so alternativlos. Das Beispiel des Irak zeigt lediglich, das diese Umgestaltung im Dialog nicht zu erreichen ist. Denn nicht der Unwille der Bev&ouml;lkerungen, sondern die Herrschaftsordnung der nah-&ouml;stlichen Gesellschaften h&auml;lt jene von einer freieren Gestaltung des Lebens ab.
<p align="right"><br>
          <em>erschienen in 


 Konkret 8/05</em></p>
        <p></p>
      </div>
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