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<title>Niemand will Saddam zur&uuml;ck</title>
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<meta name="description" content="Reisebericht durch den Irak, drei Wochen nach dem Sturz des Saddam-Regimes">
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        <p><img src="../../img/blind.gif" width="130" height="8">
          <a href="../../index.htm"><img src="../../img/logo-blau_32x100.gif" onFocus="if(this.blur)this.blur()" width="100" height="32" border="0"></a></p>
        <p>&nbsp;</p>
        <p><a href="#" onClick="history.back()"><img src="../../img/textback.gif" width="38" height="25" border="0" alt="zur&uuml;ck"></a></p>
      </div>
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      <div class="text"> 
        <h2> <br>
          Niemand will Saddam zur&uuml;ck</h2>
        <p><strong>Knapp drei Wochen nach dem Sturz des Baathregimes macht sich 
          Thomas von der Osten-Sacken auf zu einer Reise durch den Irak. Entgegen 
          dem von den Massenmedien verbreiteten Bild von aufgebrachten, Fahnen 
          verbrennenden Massen zeigt sich ihm ein anderes: Die &uuml;berwiegende 
          Mehrheit der Bev&ouml;lkerung ist mehr als nur erleichtert &uuml;ber 
          das Ende von Saddams Schreckensherrschaft. </strong></p>
        <p><em>von Thomas von der Osten-Sacken</em></p>
        <p>In der Regel pflegt in der sogenannten arabischen Welt die Auskunft, 
          man stamme aus Deutschland eine stereotype Reaktion auszul&ouml;sen: 
          &quot;&quot;Germany, good, very good&quot; &#8211; nicht selten wird 
          dann Hitler als gro&szlig;artiger Mensch bezeichnet, der immerhin die 
          Juden umgebracht und den Amerikanern Paroli geboten habe. Anders der 
          irakische Taxifahrer, mit dem wir uns auf den vierzehnst&uuml;ndigen 
          Weg aus der jordanischen Hauptstadt Amman nach Bagdad aufgemacht haben. 
          Er zeigt nicht nur keinerlei Begeisterung, sondern fragt, wieso Deutschland 
          so verr&uuml;ckt gewesen sei, Saddam zu unterst&uuml;tzen. Von Schr&ouml;der, 
          Chirac und Putin halte er gar nichts.</p>
        <p><strong>Fahrt nach Bagdad</strong></p>
        <p>Auf der Fahrt durch Nacht und W&uuml;ste herrscht unter den Fahrg&auml;sten 
          im Taxi eine gel&ouml;ste Stimmung. Gegen vier Uhr morgens erreichen 
          wir in einem Konvoi irakischer Sammeltaxis die irakisch-jordanische 
          Grenze. Die meisten der Taxis transportieren Satellitensch&uuml;sseln; 
          bislang war deren Besitz im Irak untersagt. Im Niemandsland zwischen 
          beiden Grenzen hat die UN ein Zeltlager f&uuml;r irakische Fl&uuml;chtlinge 
          errichtet, denen von den Jordaniern die Einreise verweigert wird. Auf 
          irakischer Seite steht, wie seiner Uniformjacke zu entnehmen ist, Private 
          Lesly. Das &uuml;berdimensionale Gem&auml;lde Saddam Husseins, welches 
          bis vor wenigen Wochen die Reisenden begr&uuml;&szlig;te, wurde &uuml;bermalt, 
          die Grenzgeb&auml;ude sind verrammelt, es gibt weder Gep&auml;ckkontrollen 
          noch werden die P&auml;sse gestempelt. Anders als 1991 wurden in dieser 
          Gegend offenbar weder Stromleitungen noch Telegraphenmasten bombardiert. 
          In Ramadi, das ca. 150 Kilometer westlich von Bagdad liegt, s&auml;umen 
          die ersten zerschossenen irakischen Panzer die Stra&szlig;e. Die Strecke 
          hier gilt als unsicher, wir befinden uns im sogenannten sunnitischen 
          Dreieck des Irak, einem Gebiet, das, anders als der schiitische S&uuml;den 
          oder der kurdische Norden des Irak, von Saddam weder zerst&ouml;rt noch 
          in besonderem Ma&szlig;e vernachl&auml;ssigt worden ist. Im etwas weiter 
          s&uuml;dlich gelegenen Fallujah kommt es immer wieder zu Demonstrationen 
          gegen die Amerikaner. Diese vermuten, dass sich in dieser Gegend noch 
          viele hochrangige Baathfunktion&auml;re verstecken. Die St&auml;mme 
          und vor allem ihre F&uuml;hrer, die in dieser Gegend siedeln, haben 
          von Saddams Herrschaft profitiert. </p>
        <p><strong>Saddam-City</strong></p>
        <p>Kurze Zeit sp&auml;ter erreichen wir die Vororte Bagdads, jenen letzten 
          Verteidigungsring, den die Republikanischen Garden in Haus-zu-Haus-K&auml;mpfen 
          gegen die &quot;Invasoren&quot; halten sollten, und passieren Abu 
          Graib, einen Stadtteil, in dem das wohl bekannteste Gef&auml;ngnis des 
          Irak liegt. Kurz vor dem Fall Bagdads soll das Regime noch alle politischen 
          Gefangenen umgebracht haben. Abu Graib war im Irak jahrzehntelang f&uuml;r 
          seine w&ouml;chentlich stattfindenden &quot;Gef&auml;ngniss&auml;uberungen&quot; 
          ber&uuml;chtigt; alleine an einem Tag wurden hier vor drei Jahren 2000 
          Gefangene hingerichtet. Ein Geburtstagsgeschenk Qusays an seinen Vater 
          Saddam. Jetzt steht das Gef&auml;ngnis, wie unz&auml;hlige andere im 
          Irak auch, leer. Auf der Suche nach ihren verschwundenen Angeh&ouml;rigen 
          hatten Bewohner Bagdads es gest&uuml;rmt. Sie waren auf unterirdische 
          Folterkeller, ein Quadratmeter gro&szlig;e Einzelstehzellen und unz&auml;hlige 
          Dokumente gesto&szlig;en &#8211; nicht aber auf ihre Verwandten und 
          Freunde. <br>
          Je mehr wir uns im chaotischen Stra&szlig;enverkehr &#8211; noch funktionieren 
          weder Ampeln noch gibt es eine Verkehrspolizei &#8211; dem Zentrum n&auml;hern, 
          desto h&auml;ufiger s&auml;umen ausgebrannte irakische Panzer und Flakgesch&uuml;tze 
          den Weg. Sie stehen mitten in Wohnvierteln, Zeugen jenes von Saddam 
          Hussein anvisierten Endkampfes, in dem, wie er angek&uuml;ndigt hatte, 
          der Irak sich in einen &quot;Feuerball&quot; verwandeln sollte. Sp&auml;ter 
          werden uns kurdische Freunde, die den Krieg in Bagdad erlebten, berichten, 
          wie sich die Fedayeen Saddams und Freiwillige aus arabischen L&auml;ndern 
          in ihren H&auml;usern versteckten und sie wochenlang als Geiseln nahmen. 
          <br>
          Die Stadt wirkt v&ouml;llig vernachl&auml;ssigt, &uuml;berall t&uuml;rmt 
          sich der M&uuml;ll, nur wenige Gesch&auml;fte sind ge&ouml;ffnet. Hin 
          und wieder passieren wir einen amerikanischen Checkpoint, die amerikanische 
          Pr&auml;senz h&auml;lt sich allerdings in Grenzen. Seltsam allerdings 
          klingt das Ger&auml;usch fahrender Panzer in den leeren Stadtvierteln. 
          Nachts herrscht Ausgangssperre, weil mafia&auml;hnlich organisierte 
          Banden und Pl&uuml;nderer unterwegs sind. Viele Stadtviertel sind von 
          den Bewohnern mit behelfsm&auml;&szlig;igen Blo-ckaden abgesperrt worden. 
          Die Innenstadt, vor allem der fr&uuml;her so belebte Souq al Arabi, 
          ist v&ouml;llig ausgestorben. Stra&szlig;en und H&auml;user sind heruntergekommen, 
          die alten Stadtstrukturen vom architektonischen Gr&ouml;&szlig;enwahn 
          der Baathpartei weitestgehend zerst&ouml;rt. </p>
        <p><strong>Hotel Qusr Sindbad</strong></p>
        <p>Im Hotel Qusr Sindbad, wo unsere kurdischen Mitarbeiter auf uns warten, 
          ist eine Abordnung der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) abgestiegen. 
          Arabische Stammesf&uuml;hrer in ihren Trachten sitzen am Nebentisch, 
          das Geb&auml;ude wird von kurdischen Milizion&auml;ren bewacht. Es heisst, 
          alle hochrangigen kurdischen Politiker beider gro&szlig;er Parteien 
          seien in Bagdad, eine Konferenz der Ex-Opposition werde vorbereitet. 
          Ein Treffen der Opposition l&ouml;st das andere ab, noch hofft man, 
          bald an einer &Uuml;bergangsregierung beteiligt zu werden. Sp&auml;ter 
          wird sich herausstellen, dass die Amerikaner sich entgegen ihren ersten 
          Ank&uuml;ndigungen mit der Bildung einer solchen Regierung Zeit lassen 
          wollen und vorerst die neuzubildenden Ministerien unter eigener &Auml;gide 
          mit irakischen Beratern zu leiten gedenken. <br>
          Trupps von Journalisten und Fernsehteams warten auf Interviewtermine 
          oder eine Pressekonferenz. <br>
          Die Sicherheitslage ist das alles bestimmende Thema. Bislang ist es 
          den amerikanischen Truppen nicht gelungen, in der Hauptstadt f&uuml;r 
          Ruhe und Ordnung zu sorgen. Allerdings ist das Kriegsende auch noch 
          keine drei Wochen her. Nat&uuml;rlich kann man deshalb, wie die deutsche 
          Entwicklungshilfeminsterin, lamentieren, dieser Krieg habe mehr Probleme 
          geschaffen als gel&ouml;st, und auf die marodierenden Banden in Bagdad 
          verweisen. Auf Zustimmung st&ouml;&szlig;t diese Behauptung im Irak 
          allerdings nicht. Auch nach wiederholten Aufenthalten in Bagdad habe 
          ich kein einziges Mal einen Iraki geh&ouml;rt, der sich die Zeit vor 
          dem Krieg zur&uuml;ckgew&uuml;nscht h&auml;tte. Es mag sie geben und 
          gibt sie; schlie&szlig;lich hatte die Baath Partei 2 Millionen Mitglieder, 
          sicherlich nicht alles &uuml;berzeugte Anh&auml;nger Saddam Husseins, 
          aber doch Leute, die nicht unbedingt begeistert von der neuen Lage sein 
          d&uuml;rften. Mit wem ich aber sprach, ob H&auml;ndler, Taxifahrer oder 
          Kellner, sie alle zeigten sich froh &uuml;ber den Sturz Saddam Husseins, 
          um sich dann &uuml;ber fehlende Arbeit, die Sicherheitslage oder etwas 
          Anderes zu beklagen. Die Frage ist nur, in welchen Kontext man diese 
          Klagen stellt. Mit dem entsprechenden Willen und dem dazugeh&ouml;rigen 
          Weltbild, das etwa der ARD eigen ist, gelingt es, in K&uuml;rze den 
          Eindruck entstehen zu lassen, im Irak erreiche die Unzufriedenheit ein 
          schier unertr&auml;gliches Ausma&szlig; und im Vergleich sei die Zeit 
          unter Saddam Hussein wahrhaft paradiesisch gewesen. <br>
          Schlie&szlig;lich m&uuml;ssen aber auch Journalisten, die der neuen 
          Lage etwas aufgeschlossener gegen&uuml;ber stehen als etwa das deutsche 
          Fernsehen, aus dem Irak berichten, und jeder Zuschauer erwartet Bilder 
          demonstrierender Massen, die irgendwelche Fahnen verbrennen und wutentbrannt 
          die F&auml;uste ballen &#8211; schlie&szlig;lich handelt es sich ja 
          um Araber, und die kennt man seit Jahren nicht anders. <br>
          Dem Bed&uuml;rfnis des westlichen Konsumenten kommen die Populisten 
          im Irak gerne nach. So k&uuml;ndigte ein geistlicher F&uuml;hrer k&uuml;rzlich 
          an, unter seiner F&uuml;hrerschaft w&uuml;rden eine Million Menschen 
          gegen die amerikanischen Besatzer demonstrieren. An besagtem Tag hielten 
          wir uns in Bagdad auf und fuhren von einer Ecke der Stadt zur anderen 
          und stie&szlig;en dabei auf Demonstranten, die eine radikale Entbaathifizierung 
          der Elektrizit&auml;tswerke forderten und auf andere Demonstranten, 
          die eine Auszahlung ihrer Geh&auml;lter verlangten. Weder hatten wir 
          zuvor von der einen Million Demonstranten geh&ouml;rt, noch sie gesehen. 
          Ganze 8000 sollen dann dem Aufruf gefolgt sein. Aber im arabischen Satellitenfernsehen 
          sprechen sie aufgeregt von einer weiteren Massendemonstration gegen 
          die Amerikaner. Al Jazeera etwa, dessen Leiter inzwischen wegen enger 
          Verbindung zu Saddam Hussein zur&uuml;cktreten musste, w&uuml;nscht 
          sich den Aufstand gegen die Amerikaner f&ouml;rmlich herbei, ein Wunsch, 
          den auch die meisten Linksliberalen und linken deutschen Zeitungen offenbar 
          teilen. Zugleich gibt es wirklich bedrohliche Entwicklungen. Inzwischen 
          ist die Armee aufgel&ouml;st und demobilisiert, von einem Tag auf den 
          anderen haben so 400 000 Ex-Soldaten ihr bisheriges Einkommen verloren; 
          eine L&ouml;sung hat die amerikanische &Uuml;bergangsverwaltung bislang 
          nicht gefunden. Nun mehren sich Demonstrationen und Kundgebungen ehemaliger 
          Milit&auml;rangeh&ouml;riger. &quot;Wenn sie uns 50 Dollar zahlen, 
          sind wir zufrieden und arbeiten mit den Amerikanern&quot;, meint ein 
          Ex-Offizier, dem wir sp&auml;ter in Mossul wieder begegnen, &quot;wenn 
          nicht, dienen wir denjenigen, die uns 50 Dollar versprechen &#8211; 
          auch im Kampf gegen die Amerikaner.&quot; Zeitgleich hebt die US-Milit&auml;rpolizei 
          in Bagdad ein Treffen von ehemaligen Baathisten aus, die sich offenbar 
          zu reorganisieren versuchten. </p>
        <p><strong>Erleichterung im Nordirak</strong></p>
        <p>In Irakisch-Kurdistan wird die Nachricht von der Aufl&ouml;sung der 
          irakischen Armee, wie so viele Neuigkeiten der letzten Zeit, mit Freude 
          aufgenommen. Die irakische Armee stellte f&uuml;r die Kurden nichts 
          weiter als ein blutiges Unterdr&uuml;ckungsinstrument dar. &Uuml;berhaupt 
          herrscht hier, anders als in Bagdad, eine sp&uuml;rbare Feststimmung. 
          In den Stra&szlig;en h&auml;ngen Plakate, auf denen Bush und Blair f&uuml;r 
          die Befreiung gedankt wird. &quot;Wir Kurden haben einen dreifachen 
          Sieg gegen unsere schlimmsten Feinde errungen&quot; meint Salar Rashid, 
          Minister f&uuml;r Menschenrechte in Suleymania, &quot;Saddam Hussein 
          ist gest&uuml;rzt, Ansar al Islam verjagt (eine radikalislamistische 
          Gruppierung mit Verbindungen zu Al-Qaida, die eine Bergregion in der 
          N&auml;he der Stadt Hal-bja kontrollierte) und die T&uuml;rken sind 
          nicht einmarschiert.&quot; Es d&uuml;rfte eine verschwindend geringe 
          Zahl gewesen sein, die in den kurdischen Gebieten den Krieg nicht begr&uuml;&szlig;t 
          und unterst&uuml;tzt h&auml;tte. Rashid, der lange in Deutschland gelebt 
          hat, zeigt sich &uuml;ber die Haltung der Bundesregierung entt&auml;uscht. 
          Besonders f&uuml;r gr&uuml;ne Politiker, die sich in der Vergangenheit 
          in der Rolle der F&uuml;rsprecher der Kurden gefallen haben, hat er 
          kein gutes Wort &uuml;brig. Es spr&auml;che zudem B&auml;nde, dass in 
          Irakisch-Kurdis-tan keine einzige gr&ouml;ssere deutsche Hilfsorganisation 
          t&auml;tig sei. Die deutsch-europ&auml;ische Haltung, ebenso wie die 
          Politik der meisten arabischen L&auml;nder h&auml;tten lediglich Saddam 
          Hussein geholfen, mit Frieden h&auml;tten diese dagegen nichts zu tun. 
          Besonders erbost ist man in Kurdistan &uuml;ber die Haltung der Pal&auml;s-tinenser, 
          deren offene Unterst&uuml;tzung Saddam Husseins auf ungeteilte Abscheu 
          st&ouml;&szlig;t. &quot;Saddam Hussein f&uuml;hrte Krieg gegen sein 
          eigenes Volk, und die Araber, die sich mit den Opfern der Baathpartei 
          solidarisiert haben, kann man zu Dutzenden z&auml;hlen&quot;, meint 
          Salar Rashid. &quot;Einzig ein gewaltsamer Sturz konnte diesen Krieg 
          beenden. Alleine, ohne Hilfe von au&szlig;en h&auml;tten die Irakis 
          das nicht geschafft. Schlie&szlig;lich hat der Westen und vor allem 
          Europa den Irak jahrelang aufger&uuml;stet. Ein Aufstand h&auml;tte 
          Hunderttausenden, wenn nicht Millionen, das Leben gekostet. So sind 
          einige Tausend Zivilisten umgekommen. Das ist bedauerlich, aber jeden 
          Monat hat dieses Regime Tausende von Menschen ermordet, und niemand 
          hat dar&uuml;ber gesprochen. Das ist jetzt vorbei. Deshalb sind wir 
          den Amerikanern und Briten so dankbar.&quot; </p>
        <p><strong>&quot;Keine Agenten der USA&quot;</strong></p>
        <p>Die Erleichterung &uuml;ber den Kriegsausgang ist im Nordirak jedem 
          f&ouml;rmlich anzumerken, auch wenn viele Fragen, vor allem solche &uuml;ber 
          den k&uuml;nftigen Status der kurdischen Autonomiegebiete, noch offen 
          sind. Vor allem die Lage in der Erd&ouml;lstadt Kirkuk bereitet den 
          Politikern in Suleymaniah Sorgen. Etwa dem Premierminster Berham Saleh, 
          der vor Kriegsbeginn in verschiedenen Artikeln die Lage der irakischen 
          Bev&ouml;lkerung mit der westeurop&auml;ischen vor der Befreiung vom 
          Nationalsozialismus durch die alliierten Truppen verglichen hatte. &quot;Wir 
          sind keine Agenten der USA, sondern Agenten unseres Landes&quot;. Tief 
          sitzt hier der Vorwurf arabischer Medien und europ&auml;ischer Linker, 
          die Kurden h&auml;tten sich de facto als Agenten der USA verdingt. Im 
          Gespr&auml;ch betont er, dass er seit Jahrzehnten Linker sei, er aber 
          die Linke im Westen nicht mehr verstehe, die einzig ein blinder Antiamerikanismus 
          anzutreiben scheine. &quot;Als die USA Saddam unterst&uuml;tzten, halfen 
          uns die Linken. Jetzt wo die USA Saddam st&uuml;rzen, sind sie gegen 
          uns.&quot; Dann wird aus dem Raum gerufen, Jalal Talabani, Vorsitzender 
          der Patriotischen Union Kurdis-tan (PUK), die den s&uuml;dlichen Teil 
          Kurdistans kontrolliert, sei am Telefon, es habe einen Konflikt in Kirkuk 
          gegeben. Einige Araber seien get&ouml;tet worden, nachdem am Vortag 
          einige Kurden das gleiche Schicksal erlitten h&auml;tten. Alle f&uuml;rchten, 
          es k&ouml;nnte zu einem innerethnischen B&uuml;rgerkrieg in Kirkuk kommen. 
          Bislang allerdings war die Situation wieder Erwarten vergleichsweise 
          ruhig, obwohl nach den Erfahrungen der 90er Jahre gerade Kirkuk ein 
          Herd ethnischer Spannungen sein m&uuml;sste. In den vergangenen Jahren 
          f&uuml;hrte Saddam Hussein in dieser und anderen von Kurden, Arabern, 
          Turkmenen und Assyrern bewohnten St&auml;dten eine gezielte Arabisierungskampagne 
          durch. Kurden und andere Nicht-Araber wurden enteignet und vertrieben 
          und an ihrer statt arabische Familien aus dem Zentral- und S&uuml;dirak 
          angesiedelt. Insgesamt sch&auml;tzt die kurdische Regionalverwaltung 
          die Zahl vertriebener Kurden auf mehrere Hunderttausend, die gr&ouml;&szlig;tenteils 
          in Auffanglagern oder Barackenst&auml;dten ein Leben am Rande des Existenzminimums 
          fristen m&uuml;ssen. Eine schnelle R&uuml;ckkehr bleibt ihnen versagt, 
          denn die kurdische Seite will Spannungen vermeiden und den Proze&szlig; 
          legal und unter amerikanischer Aufsicht durchf&uuml;hren. Bislang ist 
          es auch nur zu einigen spontanen Inbesitznahmen alten Grundeigentums 
          gekommen, die schnell unterbunden wurden. Das Mi&szlig;trauen in Kirkuk 
          ist gro&szlig;. Auch wenn man auf den Stra&szlig;en nichts besonderes 
          bemerkt, ist die Lage extrem angespannt. Ein Rechtsdozent der Universit&auml;t 
          Suleymaniah zeigt sich entsprechend besorgt. Seiner Ansicht nach sind 
          es vor allem arabische St&auml;mme, die extrem enge Verbindung zur Baathpartei 
          hatten, die nun diesen &Auml;rger verursachen. &quot;Mit etwas Geld 
          kann man diese St&auml;mme faktisch einkaufen. Das hat Saddam fr&uuml;her 
          gemacht, heute tun das andere.&quot; </p>
        <p><strong>Massaker an der Bev&ouml;lkerung</strong></p>
        <p>Viele Konflikte, die in westlichen Medien und vor allem im arabischen 
          Satellitenfernsehen als ethnisch motiviert dargestellt werden, entspringen 
          in Wirklichkeit Stammesfehden oder sind Ausdruck des herrschenden Hasses 
          auf die Baathpartei. Vor einiger Zeit wurden etwa in Kirkuk drei Baathisten 
          auf offener Strasse gelyncht, vor dem Gouverneurspalast kam es zu einer 
          Demonstration, auf der die Entbaathisierung der Verwaltung gefordert 
          wurde. Die Nachrichten von einem am Vortag im s&uuml;dirakischen Hilla 
          entdeckten Massengrab hatten zuvor auch die Stimmung im Norden aufgeheizt. 
          Gesch&auml;tzte 15000 Leichen von nach dem Aufstand von 1991 ermordeten 
          Menschen sollen dort verscharrt worden sein. Das Fernsehen zeigt Bilder 
          von mit weinenden Frauen umringten Baggern, die Skelette zutage f&ouml;rdern. 
          Auch hier in Kurdistan werden noch immer &uuml;ber 180 000 Menschen 
          vermisst, die w&auml;hrend der sogenannten Anfallkampagne verschleppt 
          wurden und &uuml;ber deren Verbleib niemand etwas wei&szlig;. Fast t&auml;glich 
          werden jetzt Massengr&auml;ber freigelegt, weil sich &uuml;berall im 
          Land Augenzeugen melden, die den Massen-exekutionen beigewohnt haben. 
          <br>
          S&uuml;dlich von Kirkuk hat sich Saddam Husseins Cousin Hassan Ali Majid 
          eine pr&auml;chtige Villa bauen lassen. Im Irak ist er als Chemical 
          Ali bekannt, weil er f&uuml;r die Bombardierung kurdischer St&auml;dte 
          und Orte mit Giftgas aus deutscher Produktion verantwortlich war. Wie 
          sich jetzt herausstellt, lie&szlig; er vor der Villa ein Massengrab 
          anlegen. Mansour Hammahkarim Saleh, Leiter der Dokumentationsabteilung 
          des Ministeriums f&uuml;r Menschenrechte in Suleymaniah, geht davon 
          aus, dass es alleine in der Gegend um Kirkuk Hunderte von Massengr&auml;bern 
          gibt. Eines, das er gerade besichtigt habe, sei 30 mal 500 Meter gro&szlig;. 
          Solche Nachrichten bestimmen hier weit mehr die politischen Debatten 
          als die Meldungen der europ&auml;ischen Presse, die USA h&auml;tten 
          die Existenz von Massenvernichtungswaffen nur als Vorwand f&uuml;r den 
          Krieg genutzt. &quot;Uns ist egal, warum Bush Saddam gest&uuml;rzt 
          hat&quot;, meint dazu eine Frauenaktivistin, &quot;wichtig ist nur, 
          dass er gest&uuml;rzt ist.&quot; Zwei ihrer Br&uuml;der wurden in den 
          80er Jahren von der Geheimpolizei verhaftet und sind bis heute verschwunden. 
          Hunderttausende von Irakern wissen bis heute nicht, was mit ihren &quot;verschwundenen&quot; 
          Angeh&ouml;rigen geschehen ist. <br>
          Beklagt so einerseits fast jede irakische Familie ein Opfer des Baathismus, 
          so gibt es auf der anderen Seite kaum eine Familie, in der nicht ein 
          Mitglied freiwillig oder unter Zwang f&uuml;r das Regime gespitzelt 
          h&auml;tte oder ihm in anderer oft schlimmerer Weise zu Diensten war. 
          &quot;Komplizenschaft&quot;, schreibt Kanan Makiyah in seinem Buch 
          &quot;Iraq &#8211; Republic of Fear&quot;, stellte neben &quot;Angst&quot; 
          die zweite S&auml;ule baathistischer Herrschaft dar. <br>
          Eine unglaubliche Aufgabe steht also bevor, will man, wie von der irakischen 
          Opposition gefordert, die Verbrechen des Regimes juristisch aufarbeiten 
          und die T&auml;ter bestrafen. Ob das jemals in vollem Ma&szlig;e geschieht, 
          ist bislang unklar. In Mossul etwa, wo k&uuml;rzlich die ersten freien 
          Wahlen abgehalten und ein neuer Stadtrat gew&auml;hlt wurde, bestand 
          die Debaathisierung bislang darin, dass Beamte lediglich ein Papier 
          unterschreiben mussten, mit dem sie best&auml;tigten, die Inhalte der 
          Baathpartei nicht zu unterst&uuml;tzen. In Bagdad allerdings k&uuml;ndigte 
          der neue Chef der Zivilverwaltung Bremer ein radikaleres Vorgehen an: 
          Alle hohen Mitglieder der Partei sollen aus dem Dienst entfernt werden. 
          <br>
          Im Stra&szlig;enbild der St&auml;dte Suleymaniah und Arbil, die seit 
          den Aufst&auml;nden gegen Saddam Hussein 1991 unter kurdischer Selbstverwaltung 
          stehen, ist von ethnischen Spannungen nichts zu merken. Im Gegenteil 
          bestimmen arabische Besucher neuerdings das Stadtbild, abends sind die 
          Restaurants, Vergn&uuml;gungsst&auml;tten, vor allem aber Internetcaf&eacute;s 
          voller Araber aus dem Zentralirak, die jetzt zum ersten Mal seit &uuml;ber 
          12 Jahren nach Kurdistan fahren k&ouml;nnen. &quot;Wir h&auml;tten 
          niemals gedacht, dass eines Tages Suleymaniah moderner sein w&uuml;rde 
          als Bagdad&quot;, meint dazu ein kurdischer UN-Mitarbeiter. &quot;Aber 
          das ist gut so und widerlegt am deutlichsten die baathistische Propganda, 
          wir seien ungebildet, unzivilisiert und in den Bergen lebende St&auml;mme.&quot;</p>
        <p><strong>Zur&uuml;ck in Bagdad</strong></p>
        <p>Inzwischen, drei Wochen sind vergangen, ist auch Bagdad ruhiger geworden, 
          die M&uuml;llabfuhr funktioniert wieder weitgehend und die Stromversorgung 
          ist gr&ouml;&szlig;tenteils wiederhergestellt. Die amerikanische Milit&auml;rpolizei 
          hat ihre Pr&auml;senz verst&auml;rkt und tags&uuml;ber sind wieder fast 
          alle Gesch&auml;fte ge&ouml;ffnet. Auf Ablehnung und Unzufriedenheit 
          innerhalb der Ex-Opposition st&ouml;&szlig;t dagegen die Entscheidung 
          der amerikanischen Milit&auml;rverwaltung, die Bildung einer irakischen 
          &Uuml;bergangsregierung weiter zu verz&ouml;gern. Auf einer Pressekonferenz 
          erkl&auml;rt Intifad Kanbar, Sprecher des INC, man sei zwar weiter Verb&uuml;ndeter 
          der USA, dies hie&szlig;e aber keineswegs, dass man alle ihre Entscheidungen 
          akzeptiere. Vierhundert schwitzende Journalisten lauschen seinen Ausf&uuml;hrungen, 
          die Vertreter von Al Jazeera fallen durch penetrante Fragen auf, wann 
          denn der Widerstand gegen die Besatzer sich organisiere. Kanbar, der 
          trotz der Hitze in einem schwarzen Anzug erschienen ist, bezeichnet 
          Al Jazeeras Berichterstattung als hochgradig unseri&ouml;s und fragt, 
          warum der Sender keine Bilder von den gefundenen Massengr&auml;bern 
          zeige. Dann f&auml;hrt er fort, dass so schnell wie m&ouml;glich die 
          Macht auf die Irakis &uuml;bertragen und eine Interimsregierung aus 
          allen Par-teien geschaffen werden m&uuml;sse. W&auml;hrend sich die 
          einfachen Bagdadis vor allem um Sicherheit, Stromversorgung und die 
          Auszahlung von Geh&auml;ltern sorgen, w&auml;chst der Unmut vor allem 
          der schiitischen Parteien, die im S&uuml;dirak ihre Hochburgen haben. 
          Eine akute humanit&auml;re Krise, erkl&auml;rt Intibar weiter, drohe 
          bislang nicht, auch wenn die Nachrichten aus dem S&uuml;den, wo inzwischen 
          Cholera und andere Infek-tionskrankheiten ausgebrochen sind, die Leute 
          beunruhigen. Der &quot;S&uuml;den&quot; beginnt eigentlich schon in 
          den Vororten Bagdads, den von Schiiten bewohnten Slumgebieten wie Saddam 
          City, das inzwischen nach einem ermordeten Ajatollah in Sadr City umbenannt 
          wurde, oder Obeideh, wo es weder eine geschlossene Kanalisation noch 
          eine geregelte M&uuml;llabfuhr gibt. Gesch&auml;tzte zwei Millionen 
          Bewohner Bagdads leben in solchen Verh&auml;ltnissen. Aber trotz aller 
          Bef&uuml;rchtungen ist die Lage im S&uuml;den bislang vergleichsweise 
          entspannt, nur in der Stadt Kut gibt es offene Konflikte um den Posten 
          des B&uuml;rgermeisters. Von einer Amerikanerin, die f&uuml;r eine Fl&uuml;chtlingshilfsorganisation 
          t&auml;tig ist und gerade das Land bereist, h&ouml;re ich, in der s&uuml;dlichen 
          Provinz Misan sei die Stimmung gut. Dieses Gouvernement mit seiner Hauptstadt 
          Amara ist von Einheimischen und nicht von den Koalitionsstreitkr&auml;ften 
          befreit worden. Die Lage dort sei allerdings katastrophal, die ganze 
          Region vollkommen vernachl&auml;ssigt. Anders als im Norden stehe man 
          den Amerikanern und Briten jedoch eher skeptisch gegen&uuml;ber, offene 
          Feindseligkeit habe sie allerdings mit wenigen Ausnahmen keine bemerkt. 
          Wir treffen uns zuf&auml;llig in einem der Pr&auml;sidentenpal&auml;ste 
          Saddam Husseins, der nun das Hauptquartier der amerikanischen Zivilverwaltung 
          ist. Saddams schlimmste Alptr&auml;ume scheinen sich bewahrheitet zu 
          haben, sein Wahn die &quot;Zio-Imperialisten&quot; wollten den Irak 
          erobern und sich das stolze arabische Volk unterwerfen, der ihn Jahrzehnte 
          lang die eigene Bev&ouml;lkerung als Spione vernichten lie&szlig;, hat 
          sich gewisserma&szlig;en seine eigene Wirklichkeit geschaffen. Die allerdings 
          stellt die USA und die neue Administration vor schier unl&ouml;sbare 
          Aufgaben; nur die wenigsten Amerikaner d&uuml;rften geahnt haben, was 
          es bedeutet, den Irak in ein demokratisches Musterland des Nahen Ostens 
          verwandeln zu wollen. Umso erstaunlicher scheint es manchmal, wie vergleichsweise 
          ruhig die ersten sechs Nachkriegswochen verlaufen sind.<br>
          Die Probleme, vor denen der neue Irak stehe, seien gigantisch, meint 
          auch ein Vertreter der Irakischen Kommunistischen Partei, die in Bagdad 
          nach Jahren der Arbeit im Untergrund wieder ihr altes Geb&auml;ude bezogen 
          hat, aber er sei zuversichtlich, dass es den Irakis gelingen w&uuml;rde, 
          ihr Land wieder aufzubauen und zu demokratisieren. Das Wichtigste sei 
          geschafft: der Sturz der Diktatur Saddam Husseins. Und ironisch f&uuml;gt 
          ein anderer Genosse hinzu, eigentlich habe man es leicht, denn was immer 
          die Zukunft auch bringen m&ouml;ge, schlimmer als die Vergangenheit 
          k&ouml;nne es nicht werden. </p>
        <p><br>
          <em>Der Autor ist Mitarbeiter der im Irak t&auml;tigen Hilfsorganisation 
          WADI e.V, schreibt regelm&auml;&szlig;ig f&uuml;r die KONKRET und ist 
          Mitherausgeber des Buches &quot;Saddam Husseins letztes Gefecht? Der 
          lange Weg in den III. Golfkrieg&quot;, Hamburg 2002</em></p>
        <p><em>Erschienen in Risse Nr. 5 (<a href="http://www.risse.info" target="_wadiout">www.risse.info</a>)</em></p>
      <p></p>
      </div>
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