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<title>WADI Analysen - Ein Haftbefehl f&uuml;r den Minister</title>
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        <h2> <br>
          Ein Haftbefehl f&uuml;r den Minister</h2>
        <h4>In der nordirakischen Autonomieregion wird am 25.?Juli gew&auml;hlt. Die beiden gro&szlig;en kurdischen Parteien m&uuml;ssen damit rechnen, ihr Machtmonopol zu verlieren.</h4>
        <p>von Thomas von der Osten-Sacken </p>
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		<p>Die Szene, die sich vorige Woche auf den Stra&szlig;en Suleymaniahs im kurdischen Nordirak abspielte, h&auml;tte nicht einer gewissen Komik entbehrt, w&auml;ren nicht Menschen dabei zu Schaden gekommen. Denn es geschieht nicht alle Tage, dass im Nahen Osten vor laufender Kamera Leibw&auml;chter eines amtierenden Ministers gegen Polizisten handgreiflich werden.</p>
		<p>Am 25.&nbsp;Juli werden in dem Autonomiegebiet ein neues Parlament und der Pr&auml;sident gew&auml;hlt. Anh&auml;nger einer neu gegr&uuml;ndeten Reformliste namens Change feierten am 12.&nbsp;Juli, wie jede Nacht seit Beginn des offiziellen Wahlkampfs, eine Party auf der Stra&szlig;e. Bis Verteidigungsminister Sheikh Jaffar Mustafa anr&uuml;ckte und seine Leibw&auml;chter, wie kurdische Zeitungen berichten, ziemlich wahllos auf die Menge einpr&uuml;geln lie&szlig;. Dabei kam es sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen den M&auml;nnern des Ministers und der Polizei. Auch ein Fernsehteam, das die Ereignisse filmte, soll angegriffen worden sein.</p>
		<p>Change ist eine Abspaltung von der Patriotischen Union Kurdistans (Puk), die von Jalal Talabani geleitet wird. Mustafa Narchiwan, ein Mitbegr&uuml;nder der Puk, tritt nun f&uuml;r Change mit dem Versprechen an, das korrupte politische System im Nordirak zu reformieren. Insbesondere unter jungen Leuten findet die neue politische Gruppierung gro&szlig;en Anklang. Wahlumfragen zufolge kann sie sogar in Suleymaniah, einer Hochburg der Puk, am 25.&nbsp;Juli mehr als die H&auml;lfte aller Stimmen erwarten.</p>
		<p>Die beiden gro&szlig;en Parteien Puk und KDP (Kurdische Demokratische Partei) herrschten seit der Existenz eines autonomen Kurdistans im Norden des Irak fast unangefochten. Nun gibt es erstmals eine politische Herausforderung. Denn neben Change treten noch vier weitere Listen gegen die etablierten Parteien an, eine Abspaltung von der KDP, eine Liste der vereinigten Linken, eine Reformliste, die aus Sozialisten und islamischen Parteien besteht, sowie eine konservative Gruppierung.</p>
		<p>Insbesondere die Puk bangt um ihren k&uuml;nftigen Einfluss. So kam es in den vergangenen Wochen auch immer wieder zu gewaltt&auml;tigen Zusammenst&ouml;&szlig;en zwischen Anh&auml;ngern der Puk und Wahlk&auml;mpfern von Change. Seinen Einfluss mit allen Mitteln erhalten wollte wohl auch Verteidigungsminister Sheikh Jaffar Mustafa. Da es im Autonomiegebiet nun aber zumindest rudiment&auml;r eine gewisse Rechtsstaatlichkeit und freie Medien gibt, berichteten diverse Fernsehstationen am n&auml;chsten Tag ausgiebig &uuml;ber die Eskapaden des Ministers, und einer der involvierten Polizisten erstattete Strafanzeige. Seit dem 13.&nbsp;Juli wird Jaffar Mustafa per Haftbefehl gesucht. Die Zeit, in der man seine Macht mit solch brachialen Mitteln sichern kann, ist offenbar vorbei.</p>
		<p>Der Vorfall ist auch symptomatisch f&uuml;r einen tief greifenden Wandel, der sich, von westlichen Medien weitgehend unbemerkt, im kurdischen Nordirak vollzieht. &raquo;Dieses Jahr haben wir einen echten Wahlkampf&laquo;, meint etwa Aram Jamal vom Kurdish Institute for Elections (KIE). &raquo;Es geht um Alternativen zu den herrschenden Parteien und vor allem auch um einen Wandel des ganzen Systems. Zum ersten Mal haben die Menschen den Eindruck, die Politik mitbestimmen zu k&ouml;nnen.&laquo; Und &raquo;sie lassen sich nicht mehr alles gefallen&laquo;.</p>
		<p>Bislang war es der KDP und der Puk gelungen, ihr Machtmonopol zu wahren. Polizei, Milit&auml;r, &Ouml;konomie und fast alle gesellschaftlich relevanten Bereiche unterstanden ihrer direkten oder indirekten Kontrolle. Vor allem verf&uuml;gten sie &uuml;ber die &Ouml;lrente, die &uuml;ber 90 Prozent des kurdischen Haushaltes ausmacht. Obgleich beide Parteien seit Jahrzehnten in offener Konkurrenz zueinander stehen, die sich nicht selten in bewaffneten Auseinandersetzungen entlud, kandidieren beide nun auf einer Liste. Posten und &Auml;mter sollen parit&auml;tisch verteilt werden. Solange die kurdischen Gebiete sich in einer Art Ausnahmezustand befanden und die beiden Parteien zumindest Sicherheit und Auskommen f&uuml;r gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung garantierten, &auml;u&szlig;erte der wachsende Unmut mit ihrer Politik sich vornehmlich hinter verschlossenen T&uuml;ren.</p>
		<p>Der Protest der neuen Parteien und Listen richtet sich weniger gegen die programmatische Ausrichtung von KDP und Puk als gegen deren F&uuml;hrungsstil. Themen wie Nepotismus, Korruption und selbstherrliches Missmanagement dominieren deshalb die Kampagnen. So fordert Change vor allem eine klare Trennung von Staat und Parteien, Transparenz bei der Geldvergabe und die St&auml;rkung des Parlaments.</p>
		<p>Change besteht fast ausschlie&szlig;lich aus ehemaligen Kadern der Puk, sie kommen vor allem aus jenem Teil der Partei, der fr&uuml;her als Komala organisiert war und sich erst in den achtziger Jahren mit der Fraktion um Jalal Talabani zusammenschloss. Ihr geh&ouml;ren Politiker wie der ehemalige Minister Mohammad Tauwik an, die dem inneren Kreis des kurdischen Establishments entstammen. Sie st&uuml;tzten sich, seit sie in den Wahlkampf eingetreten sind, auf die Zustimmung von Studenten, technischer Intelligenz und st&auml;dtischer Mittelschicht, deren Unzufriedenheit mit den Zust&auml;nden am deutlichsten artikuliert wird. Reihenweise seien, melden kurdische Zeitungen, in den vergangenen Monaten Anh&auml;nger der Puk zu Change &uuml;bergelaufen. Aber auch unabh&auml;ngige Organisationen, die bislang Distanz zur Parteipolitik gehalten haben, unterst&uuml;tzen nun diese Liste. Diese Menschen erwarten, dass Change nicht zu einer neuen Puk wird. &raquo;Sonst werden die ganz schnell wieder abgew&auml;hlt&laquo;, erkl&auml;rt eine Mitarbeiterin des KIE.</p>
		<p>Derzeit h&auml;ufen sich bei der unabh&auml;ngigen irakischen Wahlkommission Beschwerden dar&uuml;ber, dass die Puk und die KDP ihre Machtposition im Wahlkampf missbrauchen. Diese Beschwerden werden regelm&auml;&szlig;ig von unabh&auml;ngigen Zeitungen wie Hawalti und Awene publiziert. Dass es, anders als in der Vergangenheit, nun solche Institutionen und Medien gibt, &auml;ndert auch die Spielregeln. Jahrelang etwa wurde &uuml;ber eine neue Verfassung f&uuml;r die Region diskutiert, nun sollte sie im Schnellverfahren vom Parlament abgesegnet und dann am Wahltag per Referendum best&auml;tigt werden. Diese Verfassung gesteht dem Pr&auml;sidenten des Autonomiegebiets weitgehende Entscheidungsbefugnis zu. Damit steht sie im Gegensatz zur irakischen Verfassung, die dem Pr&auml;sidenten nur repr&auml;sentative Funktionen zuerkennt.</p>
		<p>Verschiedene Gruppierungen kritisieren den neuen Verfassungsentwurf als Versuch der beiden gro&szlig;en Parteien, sich in letzter Minute mit der St&auml;rkung des Pr&auml;sidialamtes indirekt die Macht zu sichern. Sie legten Beschwerde bei der Wahlkommission ein. &raquo;Die Legislaturperiode des Parlaments endete im Mai, danach hat es keine Entscheidungsbefugnis mehr&laquo;, erkl&auml;rt Aram Jamal. Deshalb sei die Verabschiedung der Verfassung nicht legal gewesen. Auch sei die vorgeschriebene Frist f&uuml;r die Abhaltung eines Referendums missachtet worden. Die Wahlkommission gab den Klagenden recht, am 25.&nbsp;Juli wird es kein Referendum geben.</p>
		<p>Wie auch immer die Wahlen ausgehen, im neuen Parlament werden auch Oppositionelle sitzen. Bereits jetzt erkl&auml;ren Repr&auml;sentanten der Regierung, sie wollten umfassende Reformen einleiten. Die alte Partei- und Machtstruktur werden sie nicht erhalten k&ouml;nnen. Mit den gr&ouml;&szlig;ten Verlusten muss die Puk rechnen, davon wird die KDP jedoch nicht profitieren, denn beide Parteien werden gemeinsam mit dem von ihnen geschaffenen Herrschaftssystem identifiziert.</p>
		<p>Die Menschen im Nordirak bereiten sich auf eine wohl grundlegende strukturelle Wandlung in den Autononomiegebieten seit dem Sturz Saddam Husseins vor. &raquo;Was wir hier sehen, ist eine demokratische Revolution&laquo;, meint deshalb ein junger Aktivist von Change euphorisch. Noch allerdings f&uuml;rchten viele, dass die KDP und die Puk, wenn ihre &raquo;Kurdistan-Liste&laquo; herbe Verluste einstecken muss, nicht ohne Weiteres bereit sein werden, die Macht zu teilen.</p>
		<p><em><a href="http://jungle-world.com/artikel/2009/30/35870.html" target="_blank">Artikel erschienen</a> in Jungle World Nr. 30, 23. Juli 2009</em></p>
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