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<title>Nur vor der Glotze vereint</title>
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 Nur vor der Glotze vereint</h2>
        <h4> Der Prozess gegen Saddam Hussein sollte die Vergangenheit der Ba'ath-Diktatur aufarbeiten. Tats&auml;chlich k&ouml;nnte er die Spaltung zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden vorantreiben. </h4>
        <p>Thomas von der Osten-Sacken </p>
        <p>Ginge es nach Mohammed Said Qader, k&ouml;nnte man sich den Aufwand sparen. Wie Millionen andere Irakis verfolgt der alte kurdische Widerstandsk&auml;mpfer den ersten Tag des Prozesses gegen Saddam Hussein und sieben Mitangeklagte vor dem Fernseher. Aufh&auml;ngen solle man ihn, meint er, am besten in Halabja, jener kurdischen Stadt, die die irakische Armee im Jahr 1988 mit Giftgas bombardieren lie&szlig;. &raquo;Wenn er tot ist, h&ouml;rt auch der Terror auf!&laquo; Ob das Verfahren fair sei oder nicht, interessiere hier niemanden, meint der Alkoholh&auml;ndler Tariq Amin. Man wolle einfach Saddams Kopf. </p>
        <p>Der Prozess solle m&ouml;glichst lange dauern und allen internationalen Standards entsprechen, findet hingegen die Jurastudentin Samira Hussein. Schlie&szlig;lich gehe es vor allem darum, Saddams Verbrechen der Welt vorzuf&uuml;hren. &raquo;Wenn das Verfahren fair ist, sehen die Menschen, dass der neue Irak keine Diktatur ist.&laquo; F&uuml;r die Todesstrafe pl&auml;diert allerdings auch sie. &raquo;Erst wenn Saddam unter der Erde liegt, k&ouml;nnen die Menschen hier Frieden finden.&laquo; </p>
        <p>Hatte man gerade im kurdischen Nordirak diesen Tag lange erwartet, stie&szlig; das Thema der ersten Verhandlung jedoch auf Unverst&auml;ndnis. Denn das Gericht begann mit einem vergleichsweise kleinen Fall, dem Massaker n&auml;mlich, das die Ba'ath-Partei im Jahr 1982 in Dujail, einem kleinen Dorf n&ouml;rdlich von Bagdad ver&uuml;bt hatte. Hier hatten viele erwartet, dass die Anklage mit der &raquo;Anfal&laquo;-Kampagne beginnen w&uuml;rde, also der systematischen Zerst&ouml;rung kurdischer D&ouml;rfer in den achtziger Jahren, der mindestens 182 000 Menschen zum Opfer fielen. </p>
        <p>In Dujail hatten Sicherheitskr&auml;fte alle 148 m&auml;nnlichen Dorfbewohner exekutiert, nachdem der Konvoi des Pr&auml;sidenten bei der Durchfahrt beschossen worden war. Ausgew&auml;hlt hat das Gericht den Fall wohl vor allem, weil er filmisch dokumentiert ist und die Beweislage eindeutig scheint. Weitere Anklagepunkte sollen folgen: die Niederschlagung der Aufst&auml;nde im S&uuml;dirak 1991, der &Uuml;berfall auf Kuwait, unz&auml;hlige politische Morde, der Einsatz von Giftgas gegen kurdische Zivilisten. </p>
        <p>Mit Hilfe US-amerikanischer Experten und eines eigens hierf&uuml;r eingerichteten &raquo;Regime Crimes Liaison Office&laquo; wurden vor dem Verfahren &uuml;ber 40 Tonnen Beweismaterial gesichtet, unz&auml;hlige der inzwischen bekannten 270 Massengr&auml;ber ge&ouml;ffnet und tausende Zeugen befragt. Denn das Verfahren soll helfen, das ganze Ausma&szlig; der ba'athistischen Verbrechen bekannt zu machen. Nicht nur die US-amerikanische Regierung, sondern auch irakische Politiker und Juristen hatten sich dabei gegen eine Internationalisierung des Tribunals ausgesprochen und alle Vorschl&auml;ge abgelehnt, Saddam Hussein vor einem internationalen Gericht oder gar einem UN-Tribunal anzuklagen. </p>
        <p>Denn die Vereinten Nationen genie&szlig;en in Teilen des Irak einen denkbar schlechten Ruf; Kofi Annan gilt dort weithin als Unterst&uuml;tzer Saddam Husseins. &raquo;Die meisten seiner Opfer waren Iraker&laquo;, sagt etwa der Rechtsanwalt Sarwar Hassan. &raquo;Deshalb ist es unsere Pflicht und unser Recht, Saddam und die ehemalige irakische F&uuml;hrung im Irak abzuurteilen. In N&uuml;rnberg wurden die Nazis schlie&szlig;lich nur f&uuml;r die Verbrechen verurteilt, die sie au&szlig;erhalb Deutschlands begangen haben.&laquo; </p>
        <p>Als Hauptargument gegen ein nationales Tribunal f&uuml;hren Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch an, dass im Irak die Todesstrafe gilt, die Saddam Hussein und andere F&uuml;hrungsfiguren des Regimes ziemlich sicher erwarten d&uuml;rfte. Zudem wird das Fehlen einer Berufungsinstanz bem&auml;ngelt. Von Saddams offenen Unterst&uuml;tzern abgesehen, finden sich jedoch dieser Tage im Irak nur wenige, die diese Sorgen teilen. Im Gegenteil, immer wieder h&ouml;rt man die Beschwerde, dass die vornehmliche Sorge von UN und Menschenrechtsorganisationen dem Wohlbefinden ehemaliger Diktatoren gelte. </p>
        <p>Mit berechtigter Sorge dagegen betrachten manche irakische Intellektuelle wie Kanan Makiya eine Entwicklung in ihrem Land, die auch angesichts des Tribunals offensichtlich wird. Kaum noch gelingt es, die Differenzen zwischen den verschiedenen Gruppen und Konfessionen zu &uuml;berbr&uuml;cken. </p>
        <p>Daher bef&uuml;rchtet Makiya, das Tribunal k&ouml;nne einen Wettkampf zwischen Schiiten und Kurden entfachen, in dem beide f&uuml;r sich reklamierten, am meisten unter Saddam gelitten zuhaben. Erste Anzeichen daf&uuml;r gibt es bereits. Auf der anderen Seite fanden in Tikrit und anderen sunnitischen St&auml;dten Demonstrationen f&uuml;r Saddam Hussein statt. </p>
        <p>Die Sunniten, selbst eine &auml;u&szlig;erst heterogene Gruppe, sehen sich zunehmend gemeinsam mit Saddam Hussein auf der Anklagebank. Tats&auml;chlich aber st&uuml;tzte sich Saddams Macht nur auf eine Minderheit unter den Sunniten, w&auml;hrend sich der ba'athistische Terror gegen jede oppositionelle Regung im Irak richtete. Ein sunnitisches Apartheidsregime war die Herrschaft Saddam Husseins keineswegs. </p>
        <p>Auch das Referendum &uuml;ber die Verfassung, das am vorletzten Wochenende durchgef&uuml;hrt wurde, war weniger eine Abstimmung &uuml;ber Vor- und Nachteile des Entwurfs, sondern eher eine Art Volksz&auml;hlung: Schiiten und Kurden daf&uuml;r, Sunniten dagegen. </p>
        <p>Je mehr allerdings die verschiedenen Gruppen ethnisiert und konfessionalisiert werden, umso einfacher f&auml;llt es selbstmandatierten F&uuml;hrern, sie als Gefolgschaft um sich zu scharen. So droht in Vergessenheit zu geraten, dass der Ba'athismus viele Anh&auml;nger im S&uuml;d- und im Nordirak hatte. Unterdessen kann man sowohl innerhalb der schiitischen Parteien wie im Nordirak beobachten, wie die Ideologie und die Herrschaftstechniken der Ba'ath-Partei strukturell fortgef&uuml;hrt werden. </p>
        <p>Eine Aufarbeitung von 24 Jahren faschistischer Diktatur, die zugleich das Ziel einer grundlegenden Verwandlung der irakischen Gesellschaft verfolgt, ist unter solchen Voraussetzungen kaum zu leisten. Dass es trotz allem die Ba'ath-Partei war, deren brutale Unterdr&uuml;ckung auch zu dieser fatalen Dreiteilung des Landes gef&uuml;hrt hat, ist dabei eine besonders bittere Ironie. </p>
        <p>Dabei w&uuml;rde eine solche Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen und Funktionsweisen des ba'athistischen Staatsterrorismus nicht nur die k&uuml;nftige irakische Gesellschaft ma&szlig;geblich beinflussen, sondern auch die Herrschaft der &uuml;brigen Regimes in der Region in Frage stellen. Wie sehr man sich dort vor einer solchen Entwicklung f&uuml;rchtet, zeigt ein Blick in die dortige halbstaatliche Presse. </p>
        <p>In einer Region, in der Schnell- oder Shariagerichte willk&uuml;rlich Angeklagte verurteilen, emp&ouml;rten sich islamistische und panarabische Zeitungen &uuml;ber die &raquo;Siegerjustiz&laquo;, die, so etwa Abdulbari Atwan, der Herausgeber der in London erscheinenden al-Quds al-Arabia, nur &uuml;ber die Verbrechen der Amerikaner in Falluja und Abu Ghraib hinwegt&auml;uschen solle. </p>
        <p>Auch wenn die ethnische und konfessionelle Zersplitterung des Irak die Freude &uuml;ber die j&uuml;ngste Entwicklung tr&uuml;bt, sind sich irakische Kommentatoren doch erstaunlich einig, dass mit dem Beginn des Tribunals die Demokratisierung des Landes irreversibel voranschreite. Obwohl noch kein amtliches Endergebnis festgestellt ist, scheint die Verfassung per Referendum angenommen. Im Dezember d&uuml;rften dann Neuwahlen stattfinden. &raquo;Saddam Hussein ist nun Geschichte&laquo;, sagt Fathil Amin, der in einem Kaffeehaus in Suleymaniah mit seinen Freunden den Prozess verfolgt. &raquo;Und eines Tages werden wir auch Zarqawi und seine ganze Bande vor ein Gericht stellen und aburteilen. Alle sollen ein freies und faires Verfahren haben, und nichts mehr soll an die Zeit erinnern, als Saddam uns regierte.&laquo; </p>
        <p> <em><br>
        erschienen in Jungle World 43 vom 26. Oktober 2005</em></p>
        <p></p>
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