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<title>Abschied vom Arabismus</title>
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      <div align="center">
        <p><img src="../../img/blind.gif" width="130" height="8"><br>
          <a href="../../index.htm"><img src="../../img/logo-blau_32x100.gif" onFocus="if(this.blur)this.blur()" width="100" height="32" border="0"></a></p>
        <p>&nbsp;</p>
        <p><a href="#" onClick="history.back()"><img src="../../img/textback.gif" width="38" height="25" border="0" alt="zur&uuml;ck"></a></p>
      </div>
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      <div class="text"> 
<h2>Abschied vom Arabismus</h2>
            <h4>Die irakische Opposition hat sich auf ein demokratisches &Uuml;bergangsprogramm 
              geeinigt, das die bisherigen Grundlagen nah&ouml;stlicher Politik 
              verwirft. </h4>
            <p><i>von thomas uwer und thomas von der osten-sacken</i></p>
            <p>Gleich zwei historische Reden zum kommenden Irakkrieg hatte die 
              vergangene Woche zu bieten, die in Deutschland wenig beachtet wurden. 
              Die erste stammte von Ahmed Chalabi, dem Pr&auml;sidenten des Irakischen 
              Nationalkongresses (INC). Er stellte auf der Londoner Konferenz 
              der irakischen Opposition, die am Dienstag der vergangenen Woche 
              beendet wurde, das Interimsprogramm zur demokratischen Neuordnung 
              des Landes nach dem Sturz Saddam Husseins vor. </p>
            <p>350 Vertreter der irakischen Opposition, Mitglieder von rund 50 
              Parteien sowie Menschenrechtsorganisationen und unabh&auml;ngige 
              Exiliraker hatten sich zusammengefunden, um eine gemeinsame Plattform 
              zu erarbeiten. Sie bildeten ein &Uuml;bergangsgremium, das an einem 
              Entwurf f&uuml;r eine k&uuml;nftige Verfassung sowie an konkreten 
              Vorschl&auml;gen zur Bildung einer Interimsregierung arbeiten wird. 
              &raquo;Eine historische Chance tut sich auf&laquo;, hie&szlig; es 
              in einem von irakischen Intellektuellen und Politikern bereits vor 
              der Konferenz erarbeiteten Papier, &raquo;von einer Bedeutung, die 
              alles &uuml;bertrifft, was im Nahen Osten seit dem Zusammenbruch 
              des Osmanischen Reiches und dem Einmarsch britischer Truppen in 
              den Irak im Jahr 1917 geschah.&laquo; </p>
            <p>Die zweite Rede &uuml;ber den Irak hielt Heidemarie Wieczorek-Zeul, 
              die Bundesministerin f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit, am 
              Montag der vergangenen Woche auf einer Irak-Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung 
              im Deutschen Bundestag. Sie erkl&auml;rte, dass einzig die Bek&auml;mpfung 
              von Armut geeignet sei, gegen den Terror vorzugehen, beklagte das 
              Fehlen &raquo;funktionsf&auml;higer gesellschaftlicher Dialogstrukturen&laquo; 
              und die Gefahr, &raquo;bestehende Br&uuml;cken&laquo; k&ouml;nnten 
              &raquo;einst&uuml;rzen&laquo;. </p>
            <p>Wo Br&uuml;cken bestehen oder vielmehr wo nicht, dar&uuml;ber gab 
              weniger Wieczorek-Zeul als vielmehr die Zusammensetzung des Podiums 
              Auskunft. Kein einziger Exiliraker, von der Opposition ganz zu schweigen, 
              war zu der Expertenrunde geladen. Historisch war diese Veranstaltung 
              nur, weil sie das Versagen der deutschen Politik vor dem angek&uuml;ndigten 
              Umsturz dokumentiert, w&auml;hrend gleichzeitig der irakische R&uuml;stungsreport 
              offen legte, wie der Dialog in der Vergangenheit gef&uuml;hrt wurde. 
              Mehr als 80 deutsche Firmen nennt der Bericht, die an der Aufr&uuml;stung 
              des Irak beteiligt waren (siehe auch Seite 9). </p>
            <p>Die Konferenzteilnehmer in London d&uuml;rfte das genauso wenig 
              gewundert haben wie die Nennung US-amerikanischer Firmen, die mit 
              Unterst&uuml;tzung ihrer Regierung milit&auml;risches Material lieferten. 
              Doch w&auml;hrend die Bundesregierung und die Opposition in Deutschland 
              am Status Quo eines von diktatorischen Regimes regierten und von 
              islamistischen Terroristen destabilisierten arabischen Nahen Ostens 
              festhalten und weiter einen &raquo;konstruktiven Dialog&laquo; mit 
              den Eliten f&uuml;hren, macht sich die irakische Opposition daran, 
              den von der US-Regierung propagierten regime change ernst zu nehmen 
              und sich der verhassten Diktatur zu entledigen. </p>
            <p>Ihr Ziel, einen demokratischen Nationalstaat Irak zu schaffen, 
              an dem Kurden, Araber und andere Bev&ouml;lkerungsgruppen gleicherma&szlig;en 
              partizipieren, ist in der Tat historisch zu nennen. Nicht weniger 
              als die ideologische Pr&auml;misse der Herrschaft in den arabischen 
              Staaten des Nahen Ostens wurde in London, lange bevor ein Krieg 
              wirklich stattgefunden hat, verworfen: dass ein grundlegender Wandel 
              zu einer Besserung der Lebensverh&auml;ltnisse nicht im Land selbst, 
              sondern nur durch die &Uuml;berwindung &auml;u&szlig;erer Bevormundung, 
              den Sieg &uuml;ber fremde Interessen und die Wiederherstellung arabischer 
              oder islamischer Einheit erreicht werden k&ouml;nne. </p>
            <p>Besserung trete nur ein, so das vor der Konferenz verfasste Papier 
              von irakischen Intellektuellen um den Schriftsteller Kanan Makiya, 
              wenn sich der Irak selbst grundlegend demokratisiere. Der irakische 
              Staat, erkl&auml;rte Ahmed Jalabi in London, habe unermessliches 
              Leid &uuml;ber Menschen gebracht, weil sie einer nicht arabischen 
              Minderheit angeh&ouml;rten. Ein k&uuml;nftiger Irak werde ihnen 
              wieder die vollen Staatsb&uuml;rgerrechte anbieten. Explizit schloss 
              er dabei nicht nur die in den vergangenen Jahrzehnten systematisch 
              vertriebenen Kurden und Schiiten, sondern auch die im Irak verfolgten 
              Juden ein. </p>
            <p>Die irakische Opposition, der bislang vor allem Zerstrittenheit 
              bescheinigt wurde, hat sich gemeinsam zur Einheit des irakischen 
              Nationalstaates bekannt. Nicht die Freiheit der Araber oder der 
              Kurden, sondern die Befreiung von der diktatorischen Herrschaft 
              im Irak haben die in London vertretenen Parteien als Ziel formuliert. 
              Ein k&uuml;nftiger Irak, so der Beschluss der Konferenz, solle kein 
              &raquo;arabischer&laquo;, sondern ein f&ouml;deraler Staat sein. 
              Die irakische Opposition, der bis zum 11. September 2001 wenig Aufmerksamkeit 
              zuteil wurde, steht dabei auch unter dem Druck der USA, die ank&uuml;ndigten, 
              Saddam notfalls auch ohne irakische Alliierte zu st&uuml;rzen. Lange 
              z&ouml;gerten die beiden Kurdenparteien, sich dem von den USA forcierten 
              Prozess anzuschlie&szlig;en. Einen milit&auml;rischen Sturz Saddam 
              Husseins ohne eine politische Neuordnung des Landes lehnen sie strikt 
              ab. Dass diese Neuordnung die nationale Einheit erfordert, dar&uuml;ber 
              sind sich die Parteivorsitzenden Massud Barzani (KDP) und Jalal 
              Talabani (PUK) einig, die beide an dem in London gegr&uuml;ndeten 
              &Uuml;bergangsrat teilnehmen. </p>
            <p>Hinter den Kulissen wurde jedoch auch ein harter Kampf um die Posten 
              innerhalb des &Uuml;bergangsgremiums gef&uuml;hrt, das Mitte Januar 
              im Nordirak zusammenkommen soll. Gegen den urspr&uuml;nglich geplanten 
              Parteienproporz haben sich parteilose Exiliraker durchsetzen k&ouml;nnen, 
              die nun ebenfalls beteiligt sein werden. Entt&auml;uscht zeigten 
              sich dagegen vor allem die zur Opposition &uuml;bergelaufenen Offiziere 
              um den ehemaligen Generalstabschef Nizar al-Khazraji, deren Vorschlag 
              eines Milit&auml;rputsches von der Konferenz strikt abgelehnt wurde. 
              Die islamistische Dawa Partei sowie die irakische KP lehnten die 
              Beschl&uuml;sse grunds&auml;tzlich ab. Vor allem die irakischen 
              Kommunisten verweisen auf die Gefahr eines Krieges und betonen ihr 
              Misstrauen gegen&uuml;ber den US-Amerikanern. </p>
            <p>W&auml;hrend dieser Krieg t&auml;glich n&auml;her r&uuml;ckt, bleibt 
              das zu erwartende Szenario weiterhin unklar. US-amerikanische Quellen 
              warnen erneut vor einem Angriff auf Israel und der Gefahr, dass 
              Gruppen wie die libanesische Hizbollah die Gunst der Stunde nutzen 
              k&ouml;nnten, um einen Mehrfrontenkrieg gegen den j&uuml;dischen 
              Staat zu er&ouml;ffnen. Ob sich unter diesen Bedingungen die Hoffnung 
              der Iraker auf einen schnellen Sturz des Regimes und eine demokratische 
              Regierung erf&uuml;llen wird, bleibt nach wie vor fraglich. </p>
            <p>Erstmals aber hat sich eine arabische Opposition zu einem westlichen 
              Staatsmodell bekannt und zugleich auf die Benennung eines F&uuml;hrers 
              verzichtet. Die Feindschaft, die ihr bereits jetzt entgegenschl&auml;gt, 
              legt nahe, wie sehr sie an das Selbstverst&auml;ndnis nah&ouml;stlicher 
              Politik r&uuml;hrt. Die islamistische Hizb ut-Tahrir beispielsweise 
              prangert sie als B&uuml;ttel der &raquo;Kolonialisten&laquo; an 
              und verwirft den irakischen Nationalismus als unislamisch, der nationalistische 
              pal&auml;stinensische Intellektuelle Edward Said z&auml;hlt Kanan 
              Makiya zu den &raquo;zynischen antiarabischen Falken&laquo;. </p>
            <p>Was sie bef&uuml;rchten, erscheint anderen als Hoffnung. In der 
              arabischen Tageszeitung al-Hayat erkl&auml;rte Hazem Saghiyeh, ein 
              neues Kapitel in der Geschichte des Nahen Ostens sei aufgeschlagen. 
              W&auml;hrend noch niemand wei&szlig;, wie dieses Kapitel enden wird, 
              scheint doch allen klar, dass Saddam Hussein darin keine Rolle mehr 
              spielt. Einzig im Deutschen Bundestag wird noch von alten &raquo;Br&uuml;cken&laquo; 
              nach Nahost getr&auml;umt. </p>
            <p> </p>
            <p><i>in jungle world v. 24. 12. 2002</i></p>
            </div><!-- stopprint -->
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